Druckschrift 
Der süße Moritz und der bittere Karl : Erinnerungen eines alten Gießener Studenten / von Dr. Karl Dilthey
(Brooklyn)
Entstehung
Frankfurt, M. [25.01.1895]
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lung, der ſehr weite Reiſen gemacht und gediegene naturwiſſen⸗ ſchaftliche Kenntniſſe beſaß, war einer der Stammgäſte. Auch der forſtwiſſenſchaftliche Privatdozent Dr. Zamminer, ein Intimus Carriere's, verliebt wie dieſer, gehörte zu denHirſch⸗ kälbern, wie die Beſucher des Etabliſſements wohl genannt wurden. Von den Studenten, die oft da verkehrten, nenne ich nur einen, der ſich einige Jahre ſpäter gleichfalls als Bahnbrecher der materialiſtiſchen Richtung bewährte Ludwig Büchner. Er ſtammte aus einer geiſtig hervorragenden Familie Darm⸗ ſtadts und ließ ſchon als Student den nachmals bedeutenden Forſcher ahnen. Er ſtudirte Medizin, war aber vorzugsweiſe philoſophiſch veranlagt, ein eifriger Anhänger Carriere's, wenn auch deſſen Anſichten durchaus nicht immer theilend, und ſchon damals ebenſo feder⸗ und redegewandt, wie ſchlagfertig in der Debatte.

Der ſtürmiſche Völkerfrühling von 1848 ging auch an dem ſonſt ſo ſtillen, friedlichen Gießen nichts weniger als ſpurlos vor⸗ über. Die Muſen verſtummten, die Politik hatte ausſchließlich das Wort. Die braven Spießbürger bewaffneten ſich mit alten verroſteten Musketen, exerzirten Morgens und Abends und zogen Nachts auf die Wache, um ihre gute Stadt vor irgend einem eingebildeten Feind zu ſchützen, der auf 100 Meilen im Umkreis nirgends exiſtirte. Vogt und Andere hielten patriotiſche, groß⸗ deutſche Reden, ſelbſt derſüße Moritz ließ Plato, Schleier⸗ macher, Schelling, Kant und Hegel auf ſich beruhen und war plötzlich ein gewaltiger Politiker und Staatsmann geworden, der ſeine Beiſpiele aus der römiſchen und griechiſchen Republik holte und viel von den Lehren zu berichten wußte, die aus der franzö⸗ ſiſchen Revolution und der Geſchichte der Girondiſten zu ziehen ſeien. Jedenfalls ſtanden Beide, Vogt und Carriere, damals in hoher Volksgunſt letzterer vielleicht nur, weil er ſich erſterem ſo eng anſchloß und wurden denn auch ſofort ins Vor⸗ parlament gewählt. Dort that ſich allerdings nur Vogt rühm⸗ lich hervor, ſo daß er dann auch Parlamentsmitglied wurde und als ſolches bekanntlich eine bedeutende Rolle ſpielte. Des guten Moritz politiſche Rolle ging mit einer oder der anderen unver⸗ ſtandenen Rede im Vorparlament zu Ende. Zwar bewarb er ſich an verſchiedenen Orten Oberheſſens um einen Parlamentsſitz, aber er beſaß keine eigentliche Popularität, man hielt ihn einmal für einen unpraktiſchen Büchergelehrten. So kehrte er zu ſeinem alademiſchen Lehrberuf zurück, wurde durch Liebig's Einfluß ſpäter außerordentlicher Profeſſor, heirathete ſogar deſſen ſchöne Tochter Agnes, bei der er einige ſehr reiche engliſche Bewerber aus dem Felde ſchlug, und ſiedelte dann mit dem berühmten Schwiegerpapa nach dem ſchönen, kunſtreichen München über,