Druckschrift 
Der süße Moritz und der bittere Karl : Erinnerungen eines alten Gießener Studenten / von Dr. Karl Dilthey
(Brooklyn)
Entstehung
Frankfurt, M. [25.01.1895]
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Studenten aller Fächer, ſondern auch von Beamten, Profeſſoren, Geſchäftsleuten u. ſ. w. fleißig beſucht wurden, und die er durch viele praktiſche Demonſtrationen, Einflechtung intereſſanter per⸗ ſönlicher Erinnerungen zu beleben verſtand. Selten hat man wohl einen Gelehrten gehört, der einen ſo feſſelnden Vortrag be⸗ ſaß. Er ſprach mit tiefem, kräftigem Organ langſam, aber fließend und ausdrucksvoll, jedes Wort wohlüberlegt. Seiner Neigung zur Polemik ließ er gern die Zügel ſchießen, ſie war aber immer ſo geiſtvoll und witzig, daß ſie eben auch zur Er⸗ läuterung und Belebung des Vortrags beitrug. Zu leidenſchaft⸗ licher Rede ließ ſich Vogt nur hinreißen, wenn es ſich um poli⸗ tiſche Fragen handelte. 5 Der Naturforſcher und der Philoſoph waren, trotz ihres ſo ſehr verſchiedenen Weſens und ebenſo verſchiedenen Studien⸗ kreiſes, doch die beſten Freunde, die man auf Spaziergängen oft Arm in Arm ſah. In den Abendſtunden fand ſich gewöhnlich eine Geſellſchaft junger Univerſitätslehrer, denen ſich auch einige bemooſte oder beſonders begünſtigte ſtudentiſche Häupter beige⸗ ſellten, im Gaſthaus zumHirſch am Seltersberg zuſammen, zu der auch Vogt und Carriere gehörten. Hier wurden beim Glaſe Bier vorwiegend wiſſenſchaftliche und literariſche Fragen erörtert, es herrſchte da ein überaus gemüthlicher, ungezwungener Ton und auch Scherz und Witz hatten freien Spielraum. Der Wichtigſten einer war immer Karl Vogt, dem es beſonderen Spaß machte, ſeinen Freund Carriere wegen ſeiner philoſophiſch⸗ idealen Schwärmereien und ſeiner ſentimentalen Frauenbegeiſter⸗ ung, die einem alten provengaliſchen Troubadour oder deutſchen Minneſänger alle Ehre gemacht, etwas zu hänſeln. Er nannte ihn nur denſüßen Moriz, wofür ſich dieſer, in gleich harmloſem Scherz, durch den Koſenamenbitterer Karl revanchirte. Zu der Geſellſchaft imHirſch gehörten, außer den Genannten, der Liebig'ſche Aſſiſtent Will, ſpäter deſſen Nachfolger im chemiſchen Lehrſtuhl, äußerſt tüchtig in ſeinem Fach, eine ehrliche Haut und guter Kern, wenn auch in etwas rauher Schale. Dann ein Verwandter Vogt's Namens Bauer, theologiſcher Privatdozent, ſpäter hohe geiſtliche Stellungen in mburg und Leipzig bekleidend, poetiſch veranlagt und in den ichtern wohl bewandert, übrigens ein ganz fideler, vorurtheils⸗ ier Gottesmann. Die Privatdozenten Dr. Winter, Aſſiſtent mediziniſchen Klinik, ein Schwiegerſohn Balſer's, Dr. Seitz von der chirurgiſchen Klinik und Dr. Bardeleben erſchienen nur ab und zu. Letzterer ſtand als Proſektor der Anatomie ſpeziell unter Profeſſor Biſchoff, und da dieſer mit Vogt nicht Perade befreundet war, ſchien auch er ſich etwas abſeits zu halten. Dr. Dieffenbach, ein Gießener Kind ohne amtliche Stel⸗