Druckschrift 
Der süße Moritz und der bittere Karl : Erinnerungen eines alten Gießener Studenten / von Dr. Karl Dilthey
(Brooklyn)
Entstehung
Frankfurt, M. [25.01.1895]
Einzelbild herunterladen

Lehren der einen für die der anderen nutzbar zu machen verſtan⸗ den; das auf jenen beruhende rege geiſtige Leben und Streben, welches ſich ſchon damals rings um ihn her in Gießen entwickelte, hat ihn unberührt gelaſſen. Die Brücke zwiſchen den beiden großen Wiſſenſchaften war eben damals noch nicht geſchlagen, und er ſelbſt war kein Brückenbaumeiſter und Pfadfinder, er wandelte nur die Wege, die Andere vor ihm gebahnt und be⸗ treten. Als ſelbſtſtändiger Forſcher und der Welt nutzbringender Belehrter ſtand Karl Vogt unendlich hoch über ihm, denn er hat nicht nur für unſere, ſondern für alle Zeiten gewirkt. Vollkom⸗ men und unfehlbar iſt allerdings auch er nicht geweſen, das Errare humanum est hat gerade er durch manche auffallende

Beiſpiele illuſtrirt; aber die großen Wahrheiten, die er offenbart,

ſtellen alle ſeine Irrthümer, an denen er oft zu ſtarrſinnig feſt⸗ hielt, ganz in den Schatten. Er war in ſeinem mündlichen und ſchriftlichen Ausdruck gern zu draſtiſch, in ſeiner Polemik zu bitter, in ſeinem Witz zu kauſtiſch, aber das Alles vermag ſeine großen wiſſenſchaftlichen Verdienſte nicht zu ſchmälern, einen genialen Geiſt nicht zu verdunkeln. Der SatzMenſch ein, heißt Kämpfer ſein hat ſich an ihm bewahrheitet, er hat ür ſeine Ueberzeugung, für das, was er für wahr und recht hielt, auf allen Gebieten der menſchlichen Thätigkeit mit wahrem Löwenmuth und meiſt auch mit glänzendem Erfolg gekämpft. An Verſabitität des Geiſtes und Vielſeitigkeit des Wirkens haben es ihm wenige Gelehrte gleichgethan, und konnte er als deutſcher Politiker in jüngeren Mannesjahren keine bleibenden Erfolge er⸗ ringen, ſo hat er in reiferem Alter für die ſchweizeriſche Eidge⸗ noſſenſchaft auch auf dieſem Gebiete um ſo ſegensreicher gewirkt. Im gleichen Jahre, im Zwiſchenraum weniger Monate geboren, der für ein unerreichbares Ideal ſchwärmende Philoſoph und der weltkundige praktiſche Naturforſcher, ſind ſie nun auch in dem⸗ felden Jahre, in gleichem Zwiſchenraum und in der richtigen eihenfolge, zur ewigen Ruhe eingegangen. Jener ſchöpfte ſein philoſophiſches Erbauen,aus den aufgehäuften Wiſſensſchätzen der großen Geiſter aller Zeiten und Völker, dieſer, wie gerade die rößten ſeiner Vorgänger, aus dem ihn umgebenden Natur⸗ und Nenſchenleben und gelangte dabei wohl zu befriedigenden Re⸗ ſultaten, als ſei er ſpeziell der theoretiſchen Weltweisheit ergebe⸗ ner Jugendfreund. Ein alter Schüler aber und guter Bekann⸗ ter aus der goldenen Jugendzeit widmet den jüngſt Heimge⸗ langenen in dankbarer Erinnerung dieſe harmloſe Plauderei.