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nur wer den ihm zugewieſenen Theil gründlich erfaßt, zur Förderung des Ganzen beiträgt, und ſo durch lebendige Theilnahme an dieſem über die Beſchränktheit ſeines beſonderen Berufes erhoben wird.— Wie nun dem Begriffe einer Geſammtſchule der Viſſenſchaft entſprechend, der Organismus der akademiſchen Inſtitute und Unterrichtsverhältniſſe ſich ausgebildet hat, ſo auch die Weiſe des akademiſchen Studiums. So wenig als der akademiſche Lehrer gehalten iſt, eine genau beſtimmte Anzahl wöchentlicher Lehrſtunden zu halten, ebenſowenig iſt dem Studirenden eine beſtimmte Anzahl von Stunden oder Fächern genau vorgeſchrieben, in welchen er ſich noth⸗ wendig muß unterrichten laſſen, und auch in Bezug auf das äußere Leben iſt ihm eine Freiheit geſtattet, in welcher er ſeine Kräfte ſelbſtſtändig brauchen lerne und zu männlicher Reife und Fä⸗ higkeit ſich heranbilde, eine Freiheit, die ſelbſt den freien Engländern und Nordamerikanern höchſt bedenklich vorkommt, da bei ihnen der Unterſchied zwiſchen Schule und Univerſität immer noch ein fließender iſt. Allerdings mag für Manchen der Schulzwang auf eine für den tüchtigen akademiſchen Lehrer wenig erwünſchte Weiſe durch den im Hintergrunde drohenden Popanz der Examina erſetzt werden. Auch mögen Schwächere bei der Art des akademiſchen Studiums weniger lernen, als wenn ſie auch auf der Univerſität weiter geſchult würden; es mögen einzelne Fähige auf Irrwege gerathen, vor welchen eine unmittelbare Ueberwachung ſie vielleicht bewahren könnte, wiewohl Solche, wenn ſie nur von Hauſe einen ordentlichen Grund ernſter Zucht und aus der Schule einen Kern tüchtiger Kenntniſſe mitbringen, in den meiſten Fällen ſich von ſelbſt wieder zurecht⸗ finden werden. Worauf aber der akademiſche Unterricht eigentlich ruhet, das iſt, daß ihm auch von Seiten der Schüler, wie für das Berufsfach überhaupt, ſo für den einzelnen Unterrichts⸗ gegenſtand, ein lebendiges wiſſenſchaftliches Intereſſe entgegenkomme; durch ſolche Schüler wird reichlich erſetzt, was etwa an andern abgeht, ſie ſich gegenüber zu wiſſen, iſt für den akademiſchen Lehrer die höchſte Befriedigung, für einen anregenden Unterricht der wirkſamſte Sporn. Will man nur brauchbare Leute, um die einmal üblichen Geſchäfte im Dienſte der Kirche und des Staats auf das Leichteſte abzuthun, hat man Grund, die Berührung mit der friſchen akademiſchen Luft zu fürchten: ſo beſchränke man die Bildung des künftigen Theologen auf die Vorbereitung in der geiſtlichen Drillanſtalt der Seminarien, laſſe den künftigen Juriſten bei einem Anwalt, bei einem Gerichte ſeinen praktiſchen Curs durchmachen, der Mediciner mag ſich am Krankenbette, wo er freilich ſeine Experimente leider nicht an einem corpus vile macht, allmählig durch Fähigkeit oder Glück zu einer guten Praxis hinaufpfuſchen, und dem Chemiker gebe man, nachdem er in den nöthigen Manipulationen ſich geübt, noch ein paar gute Recepte als viaticum auf die Lebensreiſe mit: den wiſſenſchaftlichen Sinn des Deutſchen widert eine ſolche banauſiſche Dreſſur an, und ihm folgend haben auch unſere erleuchteten Regierungen die akademiſche Bildung allezeit werth und hoch gehalten. Und dieſe Maßregel hat ſich in der Feuerprobe der Erfahrung glänzend bewährt: unſere Beamten, unſere Aerzte, unſere Forſtleute und Apotheker haben den Vergleich mit dem Auslande wahrlich nicht zu ſcheuen, ſo wenig, als in Bezug auf eine gleichmäßig verbreitete allge⸗ meine Bildung unſer Volk die Vergleichung mit irgend einem andern. Einſichtige Männer des


