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Über die Bedeutung der historischen Continuität : mit besonderer Rücksicht auf die deutschen Universitäten : akademische Festrede am 9. Juni 1857 / gehalten von Gustav Adolf Ludwig Baur
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Siege feiert, liegt in der Natur ſeiner vorhin geſchilderten Grundeigenſchaft, und was auf dieſem Gebiete unſere Niebuhr und Neander, Geſenius und Ewald, Bopp, Schlegel und Laſſen, F. A. Wolf und Otfried Müller, A. v. Humboldt und Liebig, Burckhardt und neueſterdings Barth, gewonnen haben, das ſind auch verheißungsvolle Eroberungen, deren unſer Volk ſich rühmen mag; und wenn, um nur zwei der mir näherliegenden Werke anzufüh⸗ ren, Schriften, wie Grote's Geſchichte von Griechenland, oder Renan's Geſchichte der ſemiti⸗ ſchen Sprachen, eine Darſtellung zeigen, wie ſie uns noch nicht gelungen iſt, oder die Löſung von Aufgaben verſuchen, an welche die deutſche Wiſſenſchaft ſich noch nicht gewagt hat, ſo müſſen doch auch dieſe ausländiſchen Werke die deutſchen Meiſter loben, deren Gepräge ſie unver⸗ kennbar an ſich tragenGriechiſche Schulmeiſter in Rom! hat einſt mit etwas hinkender Vergleichung und wenig Patriotismus ein deutſcher Parlamentsredner der Hinweiſung auf ſolche Erſcheinungen entgegengerufen: er wäre nicht einmal dann ein Philoſoph geblieben, wenn er geſchwiegen hätte.

Eben ſo wenig, wie diejenigen, welche nicht etwa gegen einzelne thatſächliche Mißſtände, ſondern gegen Weſen und Princip der deutſchen Univerſitäten ſelbſt ihre Stimme erheben, um die universitas literarum in Specialſchulen zu zerſplittern, und die freiere akademiſche Weiſe des Lernens und Lebens unter Schulzwang und im Convict zu controliren. Wie die Wiſſen⸗ ſchaft ſelbſt, ſo iſt auch die Univerſität als Wiſſenſchaftsſchule mit dem Weſen und den tiefſten Bedürfniſſen des deutſchen Geiſtes verwachſen. Es gehört zum Begriffe der Wiſſenſchaft, daß ſie ein zuſammenhängendes Ganze darſtellt, und die einzelnen Wiſſenſchaften verdienen dieſen Namen nur inſoweit, als ſie ihres Zuſammenhanges mit der allgemeinen Wiſſeenſchaft ſich bewußt ſind. Auf ſich ſelbſt angewieſen nun nimmt auch das ausgezeichnetſte Talent nicht blos meiſt eine ein⸗ ſeitige Richtung, ſondern es geräth auch leicht ins Abſonderliche, Wirre und Willkürliche und in autodidaktiſchen Dilettantismus, und ebenſo ſind Specialſchulen immer in Gefahr, ihren Blick nur nach außen, auf den ſpeciellen praktiſchen Zweck, dem ſie dienen ſollen, zu wenden, und nicht auch nach innen, auf die gemeinſchaftliche geiſtige Quelle und auf den Zuſammenhang alles wiſſenſchaft⸗ lichen Erkennens, und ſo aus dem Wiſſenſchaftlichen in das Handwerksmäßige ſich zu verlieren Die Univerſität dagegen mahnt uns fortwährend an die Solidarität alles wiſſenſchaftlichen Erken nens, der Wetteifer der verſchiedenen Wiſſenſchaften und Berufsgenoſſen hält in dem Einzelnen Intereſſe und Streben ſtets wach, und im Wechſelverkehr gegenſeitigen geiſtigen Gebens und Em pfangens ſchreitet, die geiſtige Friſche fördernd, der Bildungsproceß eines Jeden lebendig fort; und nicht minder heilſam, als dieſe Anregung und Bereicherung, iſt die durch das wiſſenſchaftliche Zuſammenwirken dem Einzelnen ſo nahe gelegte Selbſtbeſcheidung, womit man aus jener naiven Verwechslung der beſonderen Berufswiſſenſchaft mit der Wiſeenſchaft ſelbſt heraustritt, und jene Selbſtbeſchränkung, welche darauf verzichtet, mit dilettantiſcher Vielſeitigkeit Alles treiben und wiſſen zu wollen, vielmehr auch auf wiſſeenſchaftlichem Gebiete die Wahrheit des heſiodiſchen 50 kSO ſſtcd yroc anerkennt; anerkennt, daß der Theil beſſer iſt als das Ganze, weil