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Über die Bedeutung der historischen Continuität : mit besonderer Rücksicht auf die deutschen Universitäten : akademische Festrede am 9. Juni 1857 / gehalten von Gustav Adolf Ludwig Baur
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bildungen oder Reformen ein einflußreiches Vorbild wurde. Sie ſehen, meine Herrn, unſere Hoch⸗ ſchulen ſind Producte der Continuität einer geſchichtlichen Entwicklung, welche, während bei andern Völkern die Univerſitäten wieder in Specialſchulen auseinanderfielen, oder über den Begriff eines Complexes von Specialſchulen ſich nie völlig erhoben, in ihrem durch Jahrhunderte hindurch ſich ziehenden Verlaufe die Univerſität im deutſchen Sinne, eben die universitas literarum, auch recht eigentlich als ein Erzeugniß des deutſchen Volkes erſcheinen läßt. Es iſt dies nicht eine Zufällig keit, ſondern hängt mit dem Weſen des deutſchen Geiſtes innigſt zuſammen. Als die Grund⸗ eigenthümlichkeit des deutſchen Geiſtes kann man ſeine Innerlichkeit bezeichnen, indem man dar⸗ unter diejenige Eigenſchaft verſteht, wonach wir in dem innerſten gottverwandten Weſen des menſchlichen Geiſtes den eigentlichen Schwerpunkt unſeres Seyns, das wahre Weſen des Menſchen erkennen, und dieſes dann zum Maaßſtab machen für alles Andere; nicht durch einzelne äußere Erfolge oder ſonſtige äußere Rückſichten uns beſtimmen laſſen, ſondern volle Befriedigung erſt dann finden, wenn unſer inneres und äußeres Leben mit den Grundforderungen des Geiſtes im Einklange ſteht. Aus dieſer Innerlichkeit des deutſchen Weſens erklärt es ſich, daß auch die innerlichſte Religion, daß das Evangelium, vorzugsweiſe bei den Völkern deutſchen Stammes die ſeinem Weſen entſprechendſte, von jüdiſcher und heidniſcher Aeußerlichkeit gereinigte Auffaſſung und Darſtellung gefunden hat. Mit dieſer Innerlichkeit hängt denn auch der dem Deutſchen eigene Muth der Wahrheit zuſammen, welcher, unbefriedigt von oberflächlicher Betrachtung und äußer⸗ licher Benutzung der Dinge, der Sache auf den Grund geht, und durch Hinderniſſe nicht gehemmt, ſondern nur gereizt, raſtlos den ewigen Geſetzen des Seyns und Werdens nachforſcht; jene gei⸗ ſtige Eroberungsluſt, welche die vortheilhafte Ausbeutung des bereits Gewonnenen den mit der Klugheit der Weltleute beſſer ausgerüſteten, aber doch untergeordneten Talenten überläßt; jener rückſichtsloſe wiſſenſchaftliche furor Teutonicus, welchen als eine Art heiligen Wahnſinns das nüchternere Ausland halb lächelnd, halb bewundernd anſieht, ebenſo wie einſt die in ſich ſelbſt befriedigte todverachtende Kampfluſt der zuerſt auf den Schauplatz der Weltgeſchichte vordringen⸗ den germaniſchen Stämme. Daß bei dieſer innerlichen Richtung der deutſchen Volksthümlichkeit andere Völker in der Gewinnung äußerer Vortheile uns voraus ſind, wollen wir zu unſerer eignen Mahnung uns keineswegs verbergen, um ſo weniger, als ja auch die unbefangene, ſelbſt⸗ verläugnende Anerkennung der Größe anderer Nationen jederzeit einen Beſtandtheil jenes die Deutſchen auszeichneten Muthes der Wahrheit gebildet hat. Abdrängen aber von dem von Gott uns vorgezeichneten Wege wollen wir uns deswegen nicht laſſen. Beruht doch in der nicht blos auf das Nächſte ſehenden rückſichtsloſen deutſchen Gründlichkeit am Ende die Hoffnung, es würde das alte Wort, daß Gott keinen Deutſchen verläßt, auch im Großen unſerer nationalen Ent⸗ wicklung als ein wahres Wort ſich bewähren; es werde Gott unſer Volk nicht verlaſſen, bis es die von der Vorſehung ihm aufgegebene Miſſion erfüllt und, wenn auch ſpäter, doch ſicher, zu den unvergänglichen Gütern des Geiſtes auch die Güter des äußeren Lebens und die ſeiner würdige äußere Machtſtellung gewonnen hat. Daß es zuerſt auf dem Felde der Wiſſenſchaft ſeine