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Über die Bedeutung der historischen Continuität : mit besonderer Rücksicht auf die deutschen Universitäten : akademische Festrede am 9. Juni 1857 / gehalten von Gustav Adolf Ludwig Baur
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der Kirche mit den gelehrten Pedanten freilich ſchlecht gedient iſt, ſo werden ſie dagegen in dem Manne von tüchtigem wiſſenſchaftlichen Sinn und gründlicher wiſſenſchaftlicher Bildung jederzeit auch den praktiſch brauchbarſten Diener finden; und während der Zögling, oder vielmehr Lehr⸗ ling der vielgeprieſenen rein praktiſchen Zurichtung verloren iſt, wenn ſeine Recepte ihn im Stiche laſſen, oder die Verhältniſſe, worauf dieſe ſich bezogen, ſich ändern, wird der wiſſenſchaftlich Gebildete im Stande ſein, überall der Sache auf den Grund zu gehen, und in allen Verhält⸗ niſſen raſch ſelbſt die Formel finden, wonach er zu verfahren hat.

Als Hochſchulen der Wiſſenſchaft haben wir die Univerſitäten, insbeſondere die deutſchen Univerſitäten, bezeichnet und betrachtet: das ſind ſie, und das werden ſie mit Gottes Hülfe blei⸗ ben, denn dazu vor Allem hat ſie die Continuität ihrer geſchichtlichen Entwicklung gemacht. Wenn im Unterſchiede von einer bloßen Anſammlung mannigfaltiger Kenntniſſe und von einer todten Gelehrſamkeit das Weſen der Wiſſenſchaft darin beſteht, daß ſie den letzten Gründen und damit dem inneren Zuſammenhange unſerer Erkenntniſſe nachgeht, ſo muß ihr ſchon um deswillen eine Anſtalt am meiſten entſprechen, welche als eine universitas literarum die verſchiedenen Zweige des wiſſenſchaftlichen Erkennens vereinigt und ſo durch ihre Exiſtenz ſchon an den inneren Zuſammenhang der einzelnen Wiſſenſchaften, an ihr letztes Hervorgehn aus einer und derſelben Lichtquelle, an ihr endliches Zuſammenſtrömen in einen Brennpunkt erinnert. Bekanntlich iſt der Begriff, in welchem der Ausdruck universitas ſoeben gebraucht wurde, als Bezeichnung näm⸗ lich einer Geſammtſchule der Wiſſenſchaften, nicht der urſprünglich mit dem Worte verbundene, vielmehr bezeichnete dieſes in ſeiner erſten Anwendung auf akademiſche Verhältniſſe die akademiſche Corporation ſelbſt, wenn auch zunächſt nur eine Specialſchule, wie z. B. in Bologna eine juri⸗ ſtiſche, ihren Vereinigungspunkt bildete. In den meiſten Fällen aber erzeugte das allgemeine wiſ⸗ ſenſchaftliche Bedürfniß der in einer Univerſitätsſtadt zum Zwecke ihrer Ausbildung verſammelten Männer auch Schulen für die übrigen Wiſſenſchaften, welche dann an die urſprüngliche Special⸗ ſchule ſich anreihten: vor allen kam ſchon zu Anfange des 13. Jahrhunderts die Univerſität Paris unſerem Begriffe einer die vier Facultäten vereinigenden universitas literarum ſehr nahe. An ihre Einrichtung knüpften die anderthalb Jahrhunderte ſpäter entſtandenen älteſten deutſchen Univer⸗ ſitäten zu Wien und Prag an, und von dieſen Anfängen an war bei der Gründung deut⸗ ſcher Hochſchulen die leitende Idee immer der Begriff der Geſammtſchule der Wiſſenſchaften; die anfänglich noch beſtehende Gliederung der akademiſchen Corporation nach Nationalitäten ging in der überwältigenden Einheit dieſes Begriffes allmählig unter, bis endlich zu Anfange dieſes Jahr⸗ hunderts und in innigem Zuſammenhang mit dem Erwachen des nationalen Bewußtſeyns im deut⸗ ſchen Volke auch der Begriff der deutſchen Univerſität, gereinigt von den Elementen, welche, durch die Kritik der Geſchichte bereits verworfen, nur die Macht der Gewohnheit noch geſchützt hatte, bei der Gründung der Univerſität Berlin unter dem unmittelbaren Einfluſſe von Männern, wie Stein, W. v. Humboldt, Schleiermacher, Fichte, Fr. A. Wolf, den klarſten Ausdruck und die bewußteſte Verwirklichung fand, welche dann für anderweit akademiſche Neu⸗

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