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Über die Bedeutung der historischen Continuität : mit besonderer Rücksicht auf die deutschen Universitäten : akademische Festrede am 9. Juni 1857 / gehalten von Gustav Adolf Ludwig Baur
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Marburg und Ew. Hochfürſtlichen Gnaden älteſter Herr Bruder einesmals Ihrer Hochfürſtlichen Gnaben, Herzog Ernſten Auguſto zu Braunſchweig und Lüneburg, Herrn Landgraf Ludwigen, und Herrn Landgraf Georgen, die Biſite gaben, daß damals fünf Fürſten, neun Grafen, neben vielen Edelleuten auf einmal zu mir ſeyen ins Auditoyium philosophiceum gekommen. Bis zum Jahre 1746 bekleideten vas Ehrenamt eines Rector Magnificentissimus an unſerer Hoch⸗ ſchule neun auf ihr ſtudirende Landgrafen von Heſſen, darunter drei⸗ Erbprinzen, und zu der glänzend begangenen erſten Säcularfeier auf den 18.(n. St.) Oct. 1707 lud der Erbprinz als Reetor Magnificentissimus, der nachherige Landgraf Ludwig VIII., ſelbſt durch ein Programm ein. Es erfreute ſich gerade damals die Univerſität eines beſonderen Aufſchwungs, indem nament

lich durch den weit verbreiteten Ruf ausgezeichneter the blogiſcher und juriſtiſcher Profeſſoren eine

große Zahl von tudtrenden hierhergezogen wurn In eine um ſo trübere Zeit fiel im Jahr 1807 der zweite 1 ſtät. Gerade ein Jahr vorher hatte mit der Schlacht von Jena für Deutſchland die Zeit de efſten Erniedrigung begonnen Die Nach⸗ harſchaft des 1807 errichteten Königreichs Weſtpha die Anweſenheit eines franzöſiſchen Com

mandanten, Kriegscommiſſärs, Lazareths, fortwährende Einquartierungen machten für Gießen den Druck dieſer traurigen Zeit recht unmittelbar fühlban Um ſo mehr iſt es mit freudigem Danke anzuerkennen, daß die Weisheit des Großherzogs Ludewigs I. ſeine Univerſität aus den mancher lei Gefahren, welche ihr drohten, nicht blos rettete, ſondern in verjſüngtem Glanze ſie heraus führte, daß ſeine beiden erlauchten Nachfolger ihr dieſelbe huldvolle Fürſorge bewahrt haben, wodurch denn namentlich die Jahl und vie reiche und zweckmäßige Ausſtattung der akademiſchen Inſtitute auf eine früher nicht geahnte Stuſe erhoben worden iſt. Ich habe, meine Herrn, dieſe Chatſachen nicht etwa blos als hiſtoriſche Notigen angeführt, wie intereſſant an ſich und wie ehrenvoll für unſere Univerſität ſie immer ſein mögen; ſondern um durch das Beiſpiel der letzteren zu beſtätigen, daß die Blüthe dieſer Hochſchulen der Wiſſenſchaft zum großen Theile von dem lebendigen Intereſſe abhängt, welches die Landesfürſten an ihnen nehmen. Auch liegt dies in der Natur der Sache. Stände die Wiſſenſchaft mit ihren Pflanzſtätten unter dem Einfluſſe der unmittelbar auf den materiellen Vortheil gerichteten Tendenzen der Maſſe, oder würde ſie auch nur von den mit der Leitung der Kirche und des Staates betrauten oberſten Behörden zu unmit telbar auf den praktiſchen Staats⸗ und Kirchendienſt bezogen: es würde bald keine Wiſſenſchaft mehr geben, ſondern im glücklichſten Falle ein mannigfaltiges, aber zerſplittertes, prinziploſes Wiſſen, und handwerksmäßige Abrichtung träte an die Stelle wiſſenſchaftlicher Bildung. Es iſt darum wünſchenswerth, daß der Fürſt mit der Autorität ſeiner geheiligten Perſon die Wiſſen ſchaft deckt und ſie gegen ihr Weſen gefährdende Zumuthungen ſchützt, daß er ſie gewiſſermaßen Theil nehmen läßt an der ausgezeichneten Stellung, welche ihn ſelbſt über die unmittelbare Be⸗ ſchäftigung mit den kleinen conereten Fragen des ſtaatlichen und kirchlichen Lebens erhebt, daß er

der Wiſſenſchaft die Ruhe gewährt, welche ihr zur rein unbefangenen Ausbildung ihres Weſens

unentbehrlich iſt. Das öſſentliche Wohl kann dabei nur gewinnen. Denn wenn dem Staat und