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Über die Bedeutung der historischen Continuität : mit besonderer Rücksicht auf die deutschen Universitäten : akademische Festrede am 9. Juni 1857 / gehalten von Gustav Adolf Ludwig Baur
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von Anekdoten aus der Gelehrtenchronik anzulegen, dafür hat Intereſſe und Geduld allerdings abgenommen. Namentlich im Bereiche derjenigen Wiſſenſchaften, welche die Hauptfactoren des geiſtigen Lebens der Geſellſchaft ſelbſt zum Gegenſtande haben, die Religion, das Recht, die Kunſt, regt ſich jenes Intereſſe mit beſonderer Lebhaftigkeit; wiewohl es gerade unter uns unver⸗ antwortlich wäre, der ausgezeichneten Leiſtungen nicht zu gedenken, wodurch auch die Geſchichte der Naturwiſſenſchaften, zumal der Chemie, gefördert worden iſt. Man hat eben erkannt, daß, wie auf jenen weſentlichen menſchlichen Lebensgebieten, das Leben ſelbſt nicht willkürlich gemacht werden kann, ſondern nach höheren göttlichen Geſetzen ſich entwickelt, ſo auch die erſchöpfende wiſſenſchaftliche Erkenntniß nicht das Werk eines Einzelnen iſt, und wenn er der Begabteſte wäre; daß vielmehr das Größte nur durch die ſucceſſive Thätigkeit der wechſelnden Generationen und durch das Zuſammenwirken der Berufsgenoſſen zu Stande kommt. Es hat ſich neben dem In⸗ tereſſe für die Kritik des Einzelnen auch der Sinn entwickelt für jene Kritik, welche objectiv im Verlaufe der geſchichtlichen Entwicklung ſelbſt in ihrem ernſten und unaufhaltſamen Gange ſich voll⸗ zieht, und den, welcher ſich ihr widerſetzen wollte, ihrem vernichtenden Urtheile verfallen läßt. Man hat das Recht des geſchichtlich Gewordenen achten gelernt, aber auch die Pflicht gegen das nach dem göttlichen Rechte der hiſtoriſchen Entwicklung geſchichtlich Geforderte, gegen welches, eigenſinnig und kurzſichtig ſich auflehnend, das hiſtoriſche Recht in das größte Unrecht umſchlägt. Mit einem Worte, man hat die Bedeutung der hiſtoriſchen Continuität erkennen und ſchätzen gelernt, welche in dem harmoniſchen Zuſammenwirken der gegenſeitig ihr Maaß beſtim⸗ menden conſervativen und progreſſiven Elemente ſich vollzieht, und ebenſoſehr zu beſonnener Werthhaltung des bereits Erworbenen mahnt, als zu friſchem Eifer, unbebautes Land urbar zu machen und neue Gebiete zu erobern.

Verzeihen Sie, Hochzuverehrende Herrn, wenn mir dieſer Eingang etwas weitſpurig gera⸗ then iſt, und genehmigen Sie auch in dieſer Rückſicht die Berufung auf ein hiſtoriſches Recht, auf das alte Recht des Profeſſors, in ſeiner Darſtellung ab ovo anzufangen. Ich komme nun meinem beſonderen Gegenſtande, der auf ehrwürdigem geſchichtlichem Grunde ruhenden deutſchen Univerſitätseinrichtung, näher und faſſe ihn ſogleich bei der uns zunächſt liegenden concreten Thatſache, daß das hohe Geburtsfeſt unſeres Allerdurchlauchtigſten Großherzogs der Anlaß gewor den iſt zu dieſer akademiſchen Feier. Bekanntlich ſtehen wir mit dieſem Brauche keineswegs allein. Laſſen Sie uns, meine Herrn, in dieſer Thatſache nicht etwa eine bedeutungsloſe Bezeugung der Ehrerbietung erblicken, ebenſowenig, als es eine leere Ehre iſt, wenn die Mehrzahl deutſcher Uni⸗ verſitäten, wie auch unſere Alma Ludoviciana, mit dem Namen deutſcher Fürſten ſich ſchmückt. Erkennen wir vielmehr darin den bedeutſamen Ausdruck eines folgereichen realen Verhältniſſes. Es iſt eine Thatſache, daß faſt alle deutſche Hochſchulen ihre Entſtehung dem Intereſſe und der Fürſorge edler Fürſten für Gelehrſamkeit, Wiſſenſchaft und allgemeine Bildung verdanken. Unſere Univerſität darf ſich in hohem Grade dieſer Fürſorge rühmen, ſie verdankt ihr recht eigentlich ihre Entſtehung. Schon jenes gymnasium illustre, welches Ludwig V., der erlauchte Stifter unſerer