gleich gerecht werdenden Sinnes für geſchichtliche Continuität darbieten. In der Regel ſchloß die Hinweiſung auf das, was geſchehen war, die Berufung auf das Recht des in der Vergangenheit Gewordnen, zugleich die Zurückweiſung desjenigen ein, was geſchehen ſollte, und den Proteſt gegen die Anſprüche der Gegenwart und Zukunft, und es war nur ein natürlicher Rückſchlag gegen ſolche Einſeitigkeiten, wenn dieſe Anſprüche ihrer⸗ ſeits vom feſten Boden des geſchichtlich Gegebenen ſich vollſtändig entfernten. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts gedieh dieſer Gegenſatz zu einer immer heftigeren Spannung. Auf der einen Seite ein zu völligem Mechanismus ausgeartetes Fortbewegen in den einmal ausgefahrenen Gleiſen, ein das rein Menſchliche erſtickendes Erſtarren in localen Einrich⸗
tungen und Gewohnheiten, eine jede freie Entfaltung des Individuellen hemmendes Feſthalten an dem einmal Gegebenen; und dagegen auf Seiten der vorwärts treibenden Elemente ein zügelloſes Ausſchreiten in's Weite und Wilde, ein Sublimiren des Begriffs des allgemein Menſchlichen bis zu einer abſtracten Höhe, auf welcher er völlig zu verdunſten drohte, und von welcher aus der Weg zu dem concreten wirklichen Leben ſich gar nicht mehr finden ließ, ein anſpruchsvolles Sich⸗ aufſpreizen des iſolirten Subjectes, als ob es erſt die Welt zu ſchaffen habe und nicht vielmehr von dem geiſtigen Erbe vorausgegangener Jahrhunderte das eigne Leben friſte. Der gewaltige Kampf menſchlicher Kräfte, welcher unter den erſchütternden Ereigniſſen um den Beginn des neuen Jahrhunderts herum entbrannte, diente dazu, die ſpröden Maſſen in Fluß zu bringen. Insbe⸗ ſondere waren dem deutſchen Volke, wenigſtens den für ſolche Lehren überhaupt Empfänglichen, die eindringlichen Lehren der Geſchichte unverloren. Die furchtbaren Exceſſe, zu welchen bei dem Nachbarvolke ein mit aller Geſchichte brechendes Streben nach Neuerung führte, zur Strafe für die Verachtung der hiſtoriſchen Continuität und für die Rückſichtsloſigkeit, womit man vorher natürliche organiſche Bildungen im Volksleben zerſtört hatte, diente zur heilſamen Warnung. Die tiefe Noth und Schmach des eignen Volkes aber ließ auch die tieſe Schwäche und die innere Hohlheit und Fäulniß jenes trägen und kurzſichtigen Feſthaltens an dem einmal Gewordenen deutlich erkennen, welches den vorwärtstreibenden Ruf der unaufhaltſamen geſchichtlichen Entwick⸗ lung überhört oder verachtet. Wer ſein Auge auf unſer Volk im Großen, Ganzen richtet, der kann nicht verkennen, es iſt aus jenem gewaltigen Kampfe als ein anderes hervor- als hineinge⸗ gangen. Unſer Geſichtskreis hat ſich erweitert, wie ſehr wir auch das Einzelne in ſeiner Eigen⸗ thümlichkeit anerkennen und werth halten: der Blick, das Intereſſe haftet nicht mehr in dumpfer Beſchränktheit an der unmittelbaren Umgebung, es treibt uns, ſie zu dem Entfernteren in Bezie⸗ hung zu ſetzen, wir fühlen uns lebhafter als Glieder eines Volkes, verflochten in das Thun und Schickſal der ganzen menſchlichen Geſellſchaft. Am unverkennbarſten tritt dieſe Richtung des Zeit⸗ alters auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft hervor. Zeugniß dafür iſt ſchon das Intereſſe für die Geſchichte der Wiſſenſchaft, welches gegenwärtig in einem früher unerhörten Grade und Umfange verbreitet iſt,— für die Geſchichte der Wiſſenſchaft, ſage ich, denn dickleibigen Vorgängern bandwurmartige, aber leider kopfloſe Catenen von gelehrten Notizen abzutreiben und Sammlungen


