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Über die Bedeutung der historischen Continuität : mit besonderer Rücksicht auf die deutschen Universitäten : akademische Festrede am 9. Juni 1857 / gehalten von Gustav Adolf Ludwig Baur
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von andern aber, ſo künftig ankommen, zur Hälfte ſelbſt getragen werden. So entſtand denn dieſe Sammlung, welche, wo nicht Wegberufung, oder vorzeitiger Tod die Ausführung der Verordnung hinderte, faſt alle Profeſſoren unſerer Univerſität von der Zeit ihrer Entſtehung an bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein darſtellt, da denn unter dem Ein⸗ fluſſe der gewaltigen Ereigniſſe, welche den geſammen Bau der alten geſellſchaftlichen Ordnung wanken machten, und unter den mancherlei Bedrängniſſen, welche in Folge davon auch unſere Stadt und Univerſität trafen, auch jene Verordnung außer Uebung kam. Die ſo entſtandenen und uns erhaltenen Bilder ſchmücken nun, nach den Facultäten und innerhalb dieſer chronologiſch geordnet, dieſen Saal. Die Lücken zwiſchen jener Zeit und der Gegenwart auszufüllen, bleibt zunächſt der dankbaren Erinnerung überlaſſen. Und ſo ſey denn vor Allem auch hier auf's Neue der Wunſch ausgeſprochen, daß der ehrwürdigen Geſtalt Ludewigs J., des Weiſen, durch fürſtliche Huld das Bildniß des Höchſtſeligen Großherzogs Ludwigs II., des Milden, und das unſeres Allergnädigſten Landesherrn Ludwigs III. ſich anreihen möge, würdige Denkmale eines fürſtlichen Dreigeſtirns, unter deſſen ſegnendem Strahle unſere Hochſchule zu neuer, ausgebreiterer und blü⸗ hender Entwicklung ſich entfaltete. Und dann, um nur einiger der bereits heimgegangenen Collegen zu gedenken, wie gerne ſähen wir neben Theologen, wie der ältere Mentzer, J. H. Mai, J. J. Rambach, unſere Schmidt, Kühnöl, Fritzſche! Wie würden an Sinolt, Hert, Eſtor, Kortholt, Höpfner Juriſten, wie Grolman und Arens, würdig ſich anreihen, und unſer trefflicher Löhr, der mit ſeiner herzgewinnenden Freundlichkeit, mit ſeinem graden, unbeſtechlichen, durch nichts zu beirrenden Rechtsſinne der großen Mehrzahl von uns noch ſo lebendig vor der Seele ſteht! Wie würde die Sammlung der Bildniſſe unſerer medieini⸗ ſchen Collegen bereichert werden, wenn denen von Horſt, Heiland, Valentini die Bildniſſe Wilbrand's, Balſer's, des biedern, auch um die Geſchichte unſerer Univerſität ſo hochver⸗ dienten, Nebel ſich anſchlöſen! Und endlich, wie würde die zahlreiche Gemeinſchaft der Ver⸗ treter der philoſophiſchen Wiſſenſchaften gewinnen, wenn zu dem gelehrten Scheibler, dem ſcharfſinnigen Goclenius, dem geiſtreichen, des lebendigen Wortes mächtigen Schupp, dem gewandten, welterfahrenen Dietrich, dem kenntnißreichen, um unſere Univerſitätsbibliothek ſo verdienten jüngeren Mai, unſere Walther, Schmidt, Schmitthenner, unſer erſt jüngſt aus unſerer Mitte geſchiedener Heyer ſich geſellten, und auch ihr, ihr lieben, unvergeßlichen Freunde, Ernſt Dieffenbach und Ettling, die im kräftigſten Mannesalter und mitten aus der eifrigſten wiſſenſchaftlichen Thätigkeit heraus nach Gottes unerforſchlichem Rathſchluſſe der Tod uns entriß!

Solche Erinnerungen, meine verehrten Collegen und Freunde, werden, je jünger ſie ſind, deſto wehmüthiger; in dieſem Augenblicke aber und in dieſer Umgebung wird unſer Schmerz nie⸗ dergehalten durch das ſtolze Bewußtſeyn, einer Corporation anzugehören, welche die ihr Angehö⸗ renden über die Schranken des einzelnen Daſeyns erhebt, welche durch die Kraft der an demſelben Werke Mitarbeitenden die beſchränkte Kraft des Einzelnen nicht blos ergänzt, ſondern auch weit über das dem iſolirten Individuum Mögliche hinaus anregt und erweitert, und welche,