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Andeutungen zu zeitgemässer Verbesserung akademischer Einrichtungen : zunächst veranlasst durch den für die Großherzogliche Hessische Landesuniversität zu Gießen neuerlich festgesetzten Studienplan und die auf denselben bezüglichen polemischen Schriften der Herren D.A.A.E. Schleiermacher und D.J.T.B.v. Linde / [Georg Zimmermann]
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Güte gemißbraucht und die Studirſucht talentloſer und unbemit⸗ telter*) Jünglinge wird begünſtigt. Daß das Honorar in der neueren Zeit nicht unmittelbar an den Profeſſor, ſondern an den Univerſitäts⸗Caſſier bezahlt wird, ändert die Sache in der vorlie genden Beziehung nicht; denn Letzterer weiſt die Geſuche um Er laß des Honorars an den Profeſſor, für welchen die Einnahme geſchieht, und Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten mancher Art ſind und bleiben die Folgen.

Doch ungleich wichtiger, als dieſe, iſt ein anderer Nachtheil, welcher aus der erwähnten Einrichtung entſpringt. Wenn jeder Studirende nur gerade diejenigen Vorleſungen beſuchen darf, für welche er das beſtimmte Honorar bezahlt hat, ſo muß der ärmere Studirende die Zahl der von ihm zu beſuchenden Collegien na türlich ſo viel als möglich beſchränken; er muß, wenn er die Wahl hat unter zwei Collegien über denſelben Gegenſtand, dasje⸗ nige wählen, welches die kleinere Stundenzahl ankündigt, alſo am wohlfeilſten geleſen wird; er muß aus pecuniären Rückſichten

*) Das akademiſche Studium und die durch dasſelbe erworbene Berech⸗ tigung zu einer Anſtellung im Staatsdienſte, ſollen allerdings kein Monopol der Reichen werden. Allein wer den Zweck will, der muß doch auch an die nöthigen Mittel dazu denken. Der Beſuch des Gymnaſiums und der in der Regel noch nebenbei nöthigen Pri⸗ vatſtunden, der Aufenthalt auf der Univerſität, der Ankauf der nö⸗ thigen Bücher, die Verpflichtung zu der oft jahrelang dauernden unentgeltlichen praktiſchen Vorbereitung der Acceſſiſten ac. erheiſchen ſo bedeutende Geldmittel, daß ſie nur der Vermögende aufzubrin⸗ gen im Stande iſt. Allein die Studirſucht treibt auf dieſe Bahn auch viele ganz Unbemittelte, die zur Durchführung ihres Unter⸗ nehmens die erforderlichen Mittel nicht beſitzen, die dann der Staatskaſſe und ihren Mitmenſchen mit ewiger Bettelei zur Laſt fallen, die, wenn ſie auch mühſelig und nothdürftig zu ihrem Ziele einer Anſtellung im Staatsdienſte gelangen, ſelten glückliche Men⸗ ſchen und oft ſehr unnütze Subjecte werden, die, wenn ſie ihre egoiſtiſchen Erwartungen nicht erfüllt ſehen, gewöhnlich die eigent⸗ liche unzufriedene Volksclaſſe bilden. Daß es die ehrenvollſten

Ausnahmen von dieſer Regel gibt, bedarf keiner weiteren Erwäh⸗

nung.