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Andeutungen zu zeitgemässer Verbesserung akademischer Einrichtungen : zunächst veranlasst durch den für die Großherzogliche Hessische Landesuniversität zu Gießen neuerlich festgesetzten Studienplan und die auf denselben bezüglichen polemischen Schriften der Herren D.A.A.E. Schleiermacher und D.J.T.B.v. Linde / [Georg Zimmermann]
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der ausgezeichnetſte Docent durch das Dictiren ſchläfrig und langweilig wird; daß die Studenten durch das ermüdende Nach⸗ ſchreiben abgeſpannt werden, dadurch die Luſt zum Selbſtſtudiren verlieren und ſo leicht in den Wahn verfallen, daß ſie, wenigſtens in den erſten Jahren ihrer Univerſitätszeit, genug gethan hätten, wenn ſie nur ihre Hefte getreu und vollſtändig niedergeſchrieben hätten, daß durch das Dictiren und Nachſchreiben für Lehrer und Lernende eine große Menge der koſtbaren Zeit verloren geht,

das Alles iſt bekannt und ſchon oft öffentlich ausgeſprochen worden.*)

*) Schon vor 12 Jahren hat ſich eine beachtenswerthe Stimme über dieſen Gegenſtand in nachſtehenden Worten vernehmen laſſen:

Was die Form des akademiſchen Vortrags betrifft, ſo iſt es in

der That hohe Zeit, einmal einen Gegenſtand zur Sprache zu bringen, welchen Viele bloß darum nicht öffentlich zu berühren wagen, weil die durch Nichts als durch den langen Gebrauch ge⸗ heiligte Gewohnheit zu viele und zu angeſehene Gönner und Freunde hat, ich meine das Hefteableſen der akademiſchen Docen⸗ ten und das Hefteſchreiben der Studirenden. Man hat zu allen Zeiten mit vollem Rechte die große Gewalt der viva vox über das menſchliche Gemüth geprieſen, und es iſt gar nicht zu läug⸗ nen, daß ein lebenvoller, mündlicher Vortrag zur Veranſchauli⸗ chung der Wahrheit, zur Anregung des Willens und zur Erwe⸗ ckung des Herzens unendlich viel mehr vermag, als der todte Buchſtabe des geſchriebenen oder gedruckten Wortes. Aber es wäre denn doch fürwahr eine ſehr große Begriffsverwirrung, wenn man dieſe viva vox in einem Lehrſaale zu finden glauben wollte, in welchem ein Docent das fleißig zuſammengeſchriebene neuen Curſus wiederkehrende, höchſtens mit einigen Zuſätzen be⸗ reicherte Heft mechaniſch ablieſt, und die hochzuverehrenden Herren Zuhörer ebenſo mechaniſch das Gehörte niederſchreiben. Eine Stimme iſt da allerdings hörbar(wenn auch nicht immer ver⸗ ſtändlich); aber von Leben im höheren Sinne möchte ſchwerlich viel zu verſpüren ſein. In einer Zeit, in welcher das Ableſen der Kanzelvorträge immer allgemeiner für eine nicht länger zu duldende Unſitte gilt; in einer Zeit, in welcher bei landſtändiſchen Verhandlungen Männer aus allen Claſſen und Ständen frei, ja oft ſogar unvorbereitet reden müſſen; in einer Zeit, in welcher

, in jedem