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Phyſiologie keineswegs als die Lehre von der Urkraft eines Indivi⸗ duen, vermöge welcher es ſich ſeinen eigenen Leib bildet, man betrach⸗ tet ſie nicht als die Lehre von der Entſtehung der Theilkräfte aus jener Grundkraft, durch welche Theilkräfte die einzelnen Leibestheile in Geſtalt und Miſchung, unter beſtändigem Wechſel und dadurch bedingter Bewegung, zu Stande kommen; man ſieht vielfach nicht, wie die Körpertheile auch nach ihrer Abtrennung von dem Leibe, dem ſie urſprünglich angehörten, noch ihre Theilkräfte behalten und der Grund aller phyſikaliſchen und chemiſchen Erſcheinungen werden; ſondern man nimmt umgekehrt dieſe abgeleiteten Kraftäußerungen als die alleinigen eigentlichen Kräfte in der Natur an, und will, daß man ſich nur mit ihnen beſchäftige, und läßt es dahin geſtellt, ob man aus ihnen die Grundkraft jedes Individuums ableiten könne und ſolle, oder nicht. Dieſe Betrachtungsweiſe ſcheint Herr Geheimer Rath Dr. Schleier⸗ macher zu theilen. Dieſelbe hat, wie jede einſeitige Anſicht, durch Verfolgung des Verſuchs, ſie durch Beobachtung zu begründen, dem materiell Factiſchen der Phyſiologie ungemein genützt und zu den erfreulichſten Entdeckungen in Anſehung des Materials des bezüglichen Wiſſens geführt; auch wird ſie auf dieſem Wege für dieſen Zweck noch ſehr viel leiſten. Dieß hindert aber nicht, die Betrachtungsweiſe ſelbſt als eine irrige anſehen zu müſſen, und die Entſcheidung über deren Haltbarkeit oder Unhaltbarkeit kann nicht durch Entdeckung ſtets neuen Details der Aeußerungen von Kräften, die man ſofort als beſondere Kräfte unterſtellt, beſonders benennt und ohne alle Einigung nebeneinander hinſtellt, gewonnen werden. Man ſieht ſogar die ſ. g. Lebenskraft der Individuen als eine ganz iſolirte, unerforſch⸗ bare Kraft betrachtet und ihr gegenüber eine, täglich wachſende Zahl neugeſtempelter Kräfte hingeſtellt, nach deren Zuſammenhang unter ſich und mit jener man, vor ſich aufdrängendem Neuen, zu fragen keine Zeit hat. Leicht iſt es, hier mit dem Strome zu ſchwimmen, aber ſchwer, die Beſonnenheit für die ſtets feſtzuhaltende Frage nach innerer Verknüpfung der ſtets zunehmend bemerkbar werdenden Einzelnheiten zu bewahren. Solche beſonnene Denker werden täg⸗ lich ſeltener, um ſie ganz zu beſeitigen ſucht man ſie durch die Namen der Naturphiloſophen verächtlich zu machen, welcher Näͤme einer frühern, ebenſo einſeitigen und auf bloßes Analogieenſpiel beſchränkten Schule beigelegt wurde, mit welcher jene Forſcher nichts gemein haben. Herr Schleiermacher ſcheint an die wirkliche Eriſtenz ſolcher Geiſter gar nicht zu denken, geſchweige denn die Nothwendigkeit derſelben,


