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Gegenbemerkungen auf die Bemerkungen des Herrn Geheimen Raths Dr. Schleiermacher über den Studienplan für die Großherzoglich Hessische Landesuniversität zu Gießen / vom Geheimen Medicinalrathe Dr. v. Ritgen, Professor an dieser Universität
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Heilkunde, ſo wie in der Entbindungskunſt, die zur Aus⸗ übung der geſammten Heilkunde erforderlichen Kenntniſſe beſitzen.

Dieſe, wörtlich nur auf die Phyſikatsärzte ſich beziehende Beſtim⸗ mung hat die, mit Gewißheit vorauszuſehende Folge gehabt, daß, was ſich zwangsweiſe nicht wohl vorſchreiben ließ, jeder künftige Arzt ohne Ausnahme die innere und äußere Heilkunde, alſo Medicin und Chirurgie, ſo wie mediciniſche und chirurgiſche Geburtshülfe, Augenheil⸗ unde, Zahnarzneikunde u. ſ. w. ſtudirt. Schon längſt iſt alſo die Staatsregierung der Anſicht geweſen, daß das Studium der inneren und äußern Heilkunde durchaus nicht, die mediciniſche und chirurgiſche Praxris aber nur bis auf einen gewiſſen Grad z. B. in Bezug auf nicht eilende und ſchwierigere Operationen, z. B. am Auge, theilbar ſei. Wie dieſelbe dieſe Ueberzeugung, ohne allgemeine Zwangsvor⸗

ſchriften, ins Leben zu führen vermocht hat, iſt ſo eben erwähnt wor⸗

den. Aber auch ſchon einige Zeit vor 1822 ſtudirte faſt kein künfti⸗ ger Arzt, ohne die ſämmtlichen Zweige der Medicin zu verfolgen; und faſt kein ſolcher ſchloß ſich von dem operativen Unterrichte aus. Die Staatsregierung befeſtigte daher auf ſtabile Weiſe dasjenige, wozu die Natur der Heilkunde von ſelbſt antreibt, wovon aber früher ſo nachtheilige Abweichungen vorkamen. Daß ſeit 1822 derartige Ab⸗ weichungen durchaus nicht ſtatt hatten, brauche ich kaum hier noch zu verſichern, da wenigſtens alle Inländer die Möglichkeit der künftigen Theilnahme am phyſikatsärztlichen Staatsdienſt niemals außer Augen ſetzen.

Was ſollte daher jene Aeußerung des Herrn Geheimen Raths Dr. Schleiermacher? Fällt er nicht ſich ſelbſt das Urtheil, wenn er von einer widerwärtigen und unnöthigen Verhandlung ſpricht?

Heißt das nicht die Landesregierung und Landesuniverſität bei dem

großen Publikum fälſchlich der Beſchränktheit, wenn nicht eines noch Schlimmeren verdächtigen?

Indeſſen bin ich weit davon entfernt, dem Herrn Geheimen Rath Dr. Schleiermacher irgend eine böſe Abſicht zu unterlegen, ſondern ich will hier ſogleich nachweiſen, wie blos durch eine verwirrte und irrige Anſicht über die Verhältniſſe der Phyſikatschirurgen Miß⸗ verſtändniſſe bei ihm entſtanden ſind, für deren Berichtigung er jedoch hätte ſorgen ſollen, ehe er tadelnd und belehrend der Staatsregierung und der Landesuniverſität entgegenzutreten, ſich erlaubte.