Druckschrift 
Gegenbemerkungen auf die Bemerkungen des Herrn Geheimen Raths Dr. Schleiermacher über den Studienplan für die Großherzoglich Hessische Landesuniversität zu Gießen / vom Geheimen Medicinalrathe Dr. v. Ritgen, Professor an dieser Universität
Entstehung
Seite
14
Einzelbild herunterladen

14

liche Vernunft nicht ergründen kann. In der Dogmatik, bei der dogmengeſchichtlichen Einleitung zur Lehre von der Unſterblichkeit der Seele, werden gewöhnlich die verſchiedenen metaphyſiſchen An ſichten über die menſchliche Seele erörtert, ſo wie diejenigen über die Natur überirdiſcher Geiſter bei der Lehre von den Engeln und den gefallenen Geiſtern. Der zweite Theil der Pſychologie iſt die empiriſche oder Erfahrungsſeelenkunde. Sie iſt eine Wiſſenſchaft, welche in dem Verhältniß als ſie tiefer in die einzelnen Gegenſtände, die ſie zu behandeln hat, eingeht, ein gereifteres Urtheil verlangt. Für den Theologen bildet ſie in jeder Beziehung die Ergänzung der Moral, theils einleitend, indem ſie die verſchiedenen Seelenzuſtände beſchreibt, die im nächſten Zuſammenhang mit den Moralpflichten ſtehen, theils eigentlich ergänzend durch die Darſtellung aller der Vorgänge in der Seele, wodurch die menſchlichen Gefühle, Leiden⸗ ſchaften und Handlungen erregt oder modificirt werden. Es möchte alſo gar nichts dagegen zu erinnern ſeyn, wenn die Pſychologie ſtatt in dem erſten, in einem der letzten Semeſter um dieſelbe Zeit wie die Moral gehört würde.

Man ſieht alſo, daß Herr Schleiermacher in der Behandlung der Pſychologie den ſpeculativen Theil als den vorangehenden erſten, den empiriſchen, als den nachfolgenden zweiten betrachtet, und hiernach den Vortrag einzurichten empfiehlt. Da ohne Zweifel der metaphyſiſche Theil dieſer Doctrin, theils zunächſt auf den erperimen⸗ tellen gegründet, theils in ſteter Parallele mit dieſem betrachtet wer⸗ den muß, während die Erfahrungsſeelenlehre ohne alle ſpeculative Einmiſchung ſtudirt und gelehrt werden kann und auch ſoll; ſo wird gewiß jeder Lehrer rathen, ſich zuerſt mit dem bekannt zu machen, was die Beobachtung giebt, und an dieſes dasjenige zu reihen, was, über eine ſolche unmittelbnre Erfahrung hinaus liegend, aus einem philoſophiſchen Principe abgeleitet und dem empiriſch Gewonnenen zu⸗ geführt wird.

Wenn Herr Geheimer Rath Dr. Schleiermacher ſagt, die Pſycho⸗ logie ſei die Lehre von dem Weſen des menſchlichen Geiſtes, wäh rend und nach ſeinem Aufenthalte auf dieſer Erde betrachtet, ſo wie die Lehre von dem Weſen eines Geiſtes überhaupt; ſo wird er ge⸗ wiß manche Gegner finden, welche der Anſicht ſind, daß die Pſycho⸗ logie von der Seele handle, und daß unter den verſchiedenen Wirk⸗ ſamkeiten, welche eine Seele zu äußern im Stande iſt, auch diejenige gehöre, welche als geiſtige bezeichnet wird, und daher der Geiſt als Ausfluß der Seele, aber nicht als mit der Seele gleichbedeutend und das Weſen dieſer vollſtändig umfaſſend, zu betrachten ſei. Manche

d

d