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Gegenbemerkungen auf die Bemerkungen des Herrn Geheimen Raths Dr. Schleiermacher über den Studienplan für die Großherzoglich Hessische Landesuniversität zu Gießen / vom Geheimen Medicinalrathe Dr. v. Ritgen, Professor an dieser Universität
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Herrn Schleiermacher, in der rechten Weiſe mitgetheilt, liebevoll an⸗ genommen worden ſein, und es wird ihm auch künftig, uneingedenk früheren Mißgriffs, Anerkennung und Dank nicht entgehen, voraus⸗ geſetzt, daß er Tüchtiges mittheile.

Bevor ich in die, vom Herrn Geheimen Rath Dr. Schleiermacher verſuchte, Begründung ſeines harten Vorwurfs des nachtheiligen Ein⸗ fluſſes des Studienplans in Bezug anf das heilkundige Fach etwas näher eingehe, kann ich nicht umhin, meine Verwunderung über die Anſichten zu äußern, welche Herr Geheimer Rath Dr. Schleiermacher über den Werth der Philoſophie in Bezug auf Theologie ausſpricht. Ich denke mir, der Menſch fühle, als beſchränktes Geſchöpf, nichts deſto weniger ſeinen göttlichen Urſprung, und er werde eben durch die göttliche Natur ſeines Weſens angetrieben, über dieſes Verhältniß und alles, was damit zuſammenhängt, in Gedan⸗ ken und Worten ſich ſelbſt klar zn werden und dieſen, das höchſte Intereſſe bietenden, Gegenſtand mit ſeinen Mitmenſchen zu beſprechen. So, von der Tiefe ſeines göttlichen Grundes ausgehend, den Schö⸗ pfer als das unbedingt vollkommene Weſen, im Gegenſatze der eige⸗ nen und überhaupt jeder geſchöpflichen Unvollkommenheit, ſich zu den⸗ ken; ſo die eigene und fremde ewige Fortdauer, als eines unvergäng⸗ lichen Gotteswerks, zur intuitiven Gewißheit zu bringen; ſo über die Verhältniſſe des eigenen und fremden Geſchaffenwordenſeins, eben ſo wie über die des künftigen Fortbeſtehens, und endlich über die unab⸗ läßige Beziehung zum Schöpfer, von jenem Boden aus, in denkgerech⸗ ten Schlußfolgen ſich Aufſchlüſſe zu verſchaffen, ſcheint mir für jeden Menſchen eben ſo nothwendig, als würdig im Streben, mag auch das bis jetzt Erreichte und künftig Erreichbare noch ſo ge⸗ ringe ſein. Wenn nun von Seiten der Gottheit unmittelbar auf dem Offenbarungswege Aufſchlüſſe über ſie ſelbſt und über die fraglichen Beziehungen ihrer Geſchöpfe überhaupt und des Menſchen insbeſondere gegeben werden; ſo erſcheint es ebenſo natürlich als würdig, daß der Menſch das, auf dem einen, wie auf dem Wege von Gott ausgehende, Licht nicht iſolirt, ſondern in verſuchter Verbindung, eifrig ver⸗ folge. Dieſem Antriebe, nicht nur nachzugeben, ſondern ihn gewiſ⸗ ſenhaft zu verſtärken, liegt die Verpflichtung nahe, und für Einzelne, die als Religionslehrer und Prieſter zu wirken gedenken, iſt hier noch