Druckschrift 
Erwiederung auf die Bemerkungen des Herrn Geh.-Raths Dr. A. A. E. Schleiermacher über den Studienplan für die Großh.-Hessische Landesuniversität zu Gießen / von Dr. J.T.B.v. Linde, Großh. Hess. Geh. Staatsrath im Ministerium des Innern und der Justiz, Kanzler der Universität zu Gießen, und Director des Oberstudienraths.
Entstehung
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Gründe dafur gehabt, gleich im Eingange über die Zweckmäßigkeit eines Studienplans mehr zu ſagen, als die erſte Bemerkung des Herrn Verf. zu fordern ſchien.

Das Wort Studienfreiheit kann in verſchiede⸗ nem Sinne genommen werden. Will man außer An derm darunter verſtehen, daß Methode, Wahl der Folge der Vorleſungen und der Lehrer, Anwendung der Zeit in Abſicht auf Privatſtudien, dem freien Ermeſſen der Studirenden uberlaſſen bleibt; ſo wüͤßten wir nicht, daß unſer Plan in allen dieſen Hinſichten irgend eine weſent liche Beſchränkung enthielte, indem ſelbſt die ſemeſtrale Vertheilung der Vorleſungen keinerlei obligatoriſche Folge fur die Studirenden einſchließt. Eine ſolche Haltung darf ein Studienplan ja ſchon aus dem einfachen Grunde nicht entbehren, weil die Univerſitaten Anſtalten nicht bloß für Inländer, und nicht bloß fur Aſpiranten zum Kirchen- oder Staatsdienſt ſind. Die vier Abtheilungen aber ſollen gerade dazu dienen, die Sphäre der Freiheit dem Zwange gegenüber, füͤr Inländer, die ſich zu Aem tern vorbereiten wollen, deutlich zu bezeichnen, und muß ſomit den bloßen Anſchein von Freiheit, welchen der Herr Verf. dem Plane Schuld gibt, eher verhindern als be fördern.*)

*) Marbach bemerkt:Die Lernfreiheit beſteht darin, daß die Studirenden Vorleſungen hören können über alle Gegen⸗ ſtände der Wiſſenſchaft, über welche ſie wollen, bei wem ſie wollen, ſo viel ſie wollen. Die Lernfreiheit iſt der wahren Wiſſenſchaft ſo unumgänglich nothwendig wie die Lehrfreiheit, denn ſie beruht auf demſelben Prinzipe, auf der Lebendigkeit des Geiſtes. Die Beſchränkung der Lernfreiheit iſt unerträg⸗ lich für diejenigen, welche ſich der Wiſſenſchaft ergeben, ſie iſt nothwendig für die, welche auf der Univerſität ſind, um Kennt⸗ niſſe für den künftigen Beruf zu erwerben. Haven die Letz⸗ teren Lernfreiheit, ſo werden ſie nicht allein in dem eigenen Fache unklug und nachläſſig ſich vorbereiten, ſondern durch das unwiſſenſchaftliche Hinhören auf andere Fächer auch über dieſer