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Geschichte der katholisch-theologischen Facultät zu Gießen : eine allen Theologen Deutschlands gewidmete Denkschrift / von Anton Lutterbeck, Doctor der Philosophie und der kath. Theologie, öffentl. ord. Professor der class. Philologie an der Universität zu Gießen
Entstehung
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Noch weit weniger wird es, wenn es mal auf eine genaue Befolgung der tridentiner Vorſchrift ankommt, geſtattet ſein, an deren Stelle ein unglückliches Quid pro quo zu ſetzen, indem man anſtatt einesKnabenſeminars, wobei es nach der Bemerkung des Pabſtes ſelbſt ganz beſonders auf daszarte Alter der darin zu erziehenden Jünglinge ankommt, als Haupt⸗Bedingung ihrer Heran⸗ leitung zuvollſtändiger Abhängigkeit vom Biſchofe, eine in ein Seminar eingeſchloſſenetheologiſche Lehranſtalt für entlaſſene und alſo bereits ſelbſtändig gewordene Gymnaſiaſten er⸗ richtet, die bis dahin nicht nach ſolchen Grundſätzen erzogen waren. So bleibt denn alſo, wenn das, was zur Zeit des Concils von Trient vielleicht überall und heutzutage vielleicht noch im Kirchen⸗ ſtaat, in Neapel und Spanien möglich iſt, ſchlechterdings auch bei uns eingeführt werden ſoll, offenbar nichts Anderes übrig, als vorher alle deutſchen Bildungsverhältniſſe wieder bis zum 16. Jahrhundert zurückzuſchieben, die Gymnaſien wieder abzu⸗ ſchaffen, und die Univerſitäten wieder nach Mainz, Köln u. ſ. w. zu verlegen! Daß dieß ſehr wünſchenswerth für den deutſchen Katholicismus wäre, vermögen wir nicht einzuſehen.

Außerdem aber mußte gerade in Betreff der von der Hierarchie verlangten Knabenſeminarien ſich den deutſchen Regie⸗ rungen auch noch ein Bedenken ganz anderer Art aufdrängen ob nämlich ihre Einrichtung ſich mit den ſittlichen Anfor⸗ derungen unſerer Zeit und unſeres Landes noch irgendwie in Einklang bringen laſſe. Bekanntlich haben unſere Gymnaſien als die Vorbildungsanſtalten für alle höhern Lebensberufe nur den Zweck, ihren Schülern eine humane Bildung zu geben; dagegen beabſichtigen die erwähnten Knabenſeminarien ihren Zöglingen ausgeſprochenermaaßen nur eine beſchränkte, lediglich auf die Bedürfniſſe eines einzigen Standes berechnete, Bil⸗

dung zu gewähren. Dieſer Stand macht an ſeine Mitglieder

Anforderungen, die zu übernehmen nicht Jedermanns Sache iſt, und die Erziehung dazu verlangt eine Menge asketiſcher Anord⸗ nungen und ihnen entſprechender Opfer, die unter der Voraus⸗ ſetzung eines göttlichen Berufes und freiwilliger Uebernahme auf