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Das erste Jahrhundert der theologischen Facultät in Giessen : akademische Festrede zur Feier des hohen Geburtsfestes seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludwigs III. am 9. Juni 1858 gehalten / von dem Rector der Ludwig-Universität Dr. Friedrich Hermann Hesse, ordentlichem Professor der evangelischen Theologie und Universitäts-Prediger
Entstehung
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Hofpie

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von einem Waldeckiſchen Geiſtlichen Johann Colner unter ſeinem Präſidium vertheidigt wurde, nicht nur Läſterungen gegen die reformirte Confeſſion überhaupt, ſondern auch gegen den Kurfürſten insbeſondere durchgehen laſſen, in denen namentlich geſagt wurde, derſelbe habe einen ebenſo tyran⸗ niſchen und gewaltſamen Proceß wider die Rechtgläubigen in der Mark Brandenburg verhängt, wie die Päpſtler in Ungarn thäten. Der Kurfürſt nahm die Sache ſehr ernſt, und drang bei der Landgräfin Eliſabeth Dorothea, einer Tochter Ernſt des Frommen in Gotha, welche als Wittwe des Landgrafen Ludwig VI. für ihren unmündigen Sohn, den Landgrafen Ernſt Ludwig die Regentſchaft führte, auf eine ernſte und öffentliche Beſtrafung der Facultät, und zwar ſolchergeſtalt, daß er ein Genüge daran haben könne, auch auf die Confiscation des scriptum, widrigenfalls er es durch den Henker verbrennen und auch ſonſt der Facultät ſein gerechtes ressen- timent ſpüren laſſen werde. Wie ſehr ſich auch die Facultät und beſonders Chriſtiani ent⸗ ſchuldigte, es ſeien die betreffenden Stellen ohne ſein Vorwiſſen hineingeſetzt worden, die behaup⸗ teten Thatſachen ſeien wahr, es fehle der animus iniuriandi, eine Privatſchrift ſei keine Facultäts⸗ ſchrift, früher und anderwärts ſeien dieſelben und noch ſchlimmere Dinge geſagt worden: es half nichts, die Landgräfin fand die Entſchuldigungen unzureichend und Chriſtiani mußte wenigſtens die Strafe einer mehrmonatlichen Suſpenſion tragen.

Alſo noch immer der alte Haß gegen die reformirten Brüder, noch immer die verbitterte Abneigung gegen Alles, was wie eine Vereinigung mit ihnen, was wie Synkretismus ausſah! Aber bereits war eine neue Zeit für unſere Facultät im Anzuge, eine neue Periode ihrer Geſchichte ein Glück für ſie, ſonſt wäre ſie geſtorben, nachdem ſich die Productionskraft in der alten Richtung ſchon längſt erſchöpft und lange ſtillgeſtanden hatte. Es kam die Zeit des Pietismus, deſſen Herannahen wir ſchon in Michael Siricius, noch mehr in Kilian Rudrauff, dem Freunde Spener's, ſpüren. Schon einmahl war er im Lande aufgetaucht in Darmſtadt, aber durch ein Landgräfliches Edict vom 26. Jan. 1678 niedergeſchlagen worden, indem der Hof⸗ prediger Balthaſar Mentzer II. ſeinen ganzen Einfluß gegen ihn aufbot. Was half es? Auch die Fürſtenhöfe ſind keine einſamen Inſeln, welche außerhalb der Strömungen der Zeiten liegen und neuen Richtungen verſchloſſen bleiben; die Landgräfin Eliſabeth Dorothea, welche nach Ludwig's VII. ſchnellem Tode die vormundſchaftliche Regierung führte, der Landgraf Ernſt Ludwig ſelbſt mit ſeiner Gemahlin waren der neuen Richtung freundlich zugewandt, welche mehr Wahrheit und Freiheit in die Kirche zu bringen verhieß. Unter ihrem Schutz gewann der Pietis⸗ mus feſten Boden zunächſt bei der Landes⸗Univerſität, als er nach dem Tode des Orientaliſten David Clodius(1687) und nach dem Weggange Abraham Hinckelmann's, des erſten glücklichen Koranherausgebers(1689), durch die Berufung des Badenſers Johann Heinrich Mai, des weitberühmten Kenners der orientaliſchen Sprachen, ein ausgezeichnetes Werkzeug erhalten hatte. Vergebens tobte Hanneken ein damals weit verbreitetes Gerücht ſagte, er habe einmahl einen von dem Ketzer Mai bekehrten Juden nicht taufen wollen und als jener bat kein Aergerniß

anzurichten, mit dem Stocke nach ihm geſchlagen; alle ſeine Anſtrengungen konnten es nicht