VI Fremdenführer durch Gießen.
sich im Oberstock die Wanderausstellung
des Kunstvereins(Bildergallerie)“
befindet. Gegenüber wird gegenwärtig ein Werk der Pietät vollbracht. Das älteste erhaltene Gebäude Gießens, das alte Schloß, wird wieder im Geist der Vergangenheit hergestellt. Ob an seiner Stelle ein älteres Bauwerk ge⸗ standen hat, wissen wir nicht, da sich keine Spuren gefunden haben. Die Reste, wie wir sie kennen, deuten auf ein festes Schloß aus dem 14. Jahrhundert, vor-— nehmlich der Bergfrit, der nach einer in ihm gefangen gehaltenen Zigeunerbande im Volksmund den Namen„Heiden-— turm“ führt. Der Bau, der ehemals den mannigfachsten Zwecken diente— er war nach einander Herren-Wohnsitz‚ Regierungskanzlei, Wohnung des Amt-—
mannes, dann des Stadthauptmannes,
wiederum Kanzlei, Stadtgericht, Polizei— amt und zuletzt Kaserne— soll künftig Museumsräume und ein Absteigequartier für den Landesherrn enthalten. Durch den Eingang des botanischen Gartens (angelegt 1609) von ihm getrennt folgt die Universitäts⸗ und von Sencken⸗— bergische Bibliothek mit etwa 200 000 Bänden. Ein Neubau für diese Schätze ist in der Stephan-Straße fast vollendet und wird im August 1904 bezogen werden. Auf der anderen Seite der Bibliothek, an der Senckenberg-Straße, erhebt sich das zierliche, angeblich 1570, wahrscheinlich aber schon etwa 1535 erbaute Schlößchen, das bis zu der vor kurzem erfolgten Wiederherstellung die Geschäftsräume der Universität beher— bergte. Unmittelbar daran schließt sich die 1585 als Zeughaus errichtete Kaserne (für 2 Kompagnien), das architektonisch schönste Gebäude der Stadt. Wir wenden uns wieder rückwärts, sehen flüchtig an der anderen Seite des„Bran-— des“ das Kreisamtsgebäude, die jetzt den Zwecken der Gendarmerie dienende ehemalige Hauptwache aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und die Universitäts⸗Reitbahn(erbaut
1740, „Kanzleiberg“ hinab in„die Sonne“, an deren Kreuzung mit der Schul-Straße das frühere Ricker'sche Haus steht. Hier erinnert eine Gedenktafel an die Be— suche, die der junge Goethe seinem in diesem Hause wohnenden Freund, dem Professor der Rechte Höpfner, von Wetzlar aus gemacht hat. In ihrem weiteren Verlauf trifft die Sonnen—
Straße, an der hier das Klubhaus des
Gesellschaftsvereins liegt, an den Beginn der„Mäusburg“ und schließt so den Ring der ältesten Stadtanlage, die wir seit dem Betreten der Mäusburg durch— wandert haben. Wir aber wenden uns jetzt dem modernen Gießen zu. Frei— lich begegnen wir auch auf diesem Wege noch mancher historischen Er— innerung. Gehen wir die an dem
Rickerschen Haus die Fortsetzung der Schul-Straße bildenden„Neuen Bäue“, die doch auch schon 200 Jahre alt sind,
entlang, so treffen wir bald an die
Anlagen, die auf dem ehemaligen Festungs-Glacis gepflanzt und nach
den vier Himmelsrichtungen benannt, mit ihrem gärtnerischen Schmuck die Innenstadt umziehen und zu jeder Jahres— zeit herrliche Spaziergänge bieten. An
der Süd⸗Anlage, die vom Ausgang der
„Neuen-Bäue“ nach rechts abzweigt, hat nicht weit vom Gymnasium die neue Johanniskirche(von Griesebach) ihren Platz gefunden, und in der Ost⸗ Anlage, die links abzweigt, erhebt sich
das 1890 enthüllte Liebig-Denkmal
von Schaper in leuchtend weißem Mar⸗
mor, mit den grünen Baummassen des
Botanischen Gartens im Hintergrund
früher Anatomie) und gehen den!
einen wundervollen Kontrast bildend.
Ein weiteres Denkmal, das für den be—
kannten Forstmann Heyer, ziert die
Nord-Anlage. Doch setzen wir unseren
Weg von den„Neuen Bäuen“ aus in
gerader Linie fort. Zwischen Bürgermeisterei-Gebäude und der Freimaurer-Loge„Ludwig
dem
(r.) ö
zur Treue“(l.]) am städtischen Gas-


