Volume 
1904
Page
III
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gremdenführer durch Gießen.

Gießen schon lange blühenden Indu⸗ strien hatten sich bedeutend vergrößert, neue Eisen- Ton- und Kalkwerke waren

Noch vor zwanzig Jahren war die Hauptstadt der Provinz Oberhessen trotz ihrer überaus günstigen Lage an dem Sehnittpunkt mehrerer Eisenbahnlinien

ein Ort, an dem der Fremdenstrom bei⸗ nahe achtlos vorüberging.

Die sehöne Lage an der Lahn, die liebliche Um gebung mit ihren endlosen Wäldern und romantischen Burgruinen auf ragenden Höhen, Vorzüge, die schon vor mehr als hundert Jahren den bekannten Reichs- freiherrn Renatus Karl v. Senckenberg unserer Stadt den Vorrang vor den

meisten Städten Europas ziterkennen

ließen, vermochten nicht, den Fremden

zu kurzem Aufenthalt zu verlocken. Der

Grund dieser Erscheinung mag wohl in der Unansehnlichkeit der damaligen In nenstadt zu suchen sein. Seitdem hat sich viel, ja fast alles, geändert. Zwar

sind die alten Straßen dieselben geblieben,

aber sie haben ein anderes Aussehen bekommen. In der Bevölkerung er- wachte und breitete sich aus der Sinn für das Historische. Man entdeckte, daß Gießen eine ganze Reihe bemerkens werter alter Bauten besaͤß, und ließ es sich angelegen sein,sie würdig wieder herzustellen. Die hübschefür Hessen so charakteristische Holzkonstruktion vieler Bürgerhäuser war unter unschein⸗ barer Tünche verborgen. Jetzt kam sie wieder zu Ehren, und wo der Nachbar einen Umbau vornehmen mußte, paßte er sein Haus der Umgebung an. So erhielt die Altstadt das ihr in früheren Zeiten eigentümliche malexische Aussehen zurück. Aber auch Handel und Wandel hatten sich mächtig gehoben. Die in

errichtet worden und in Bezug auf Zigarren- und Tabakfabrikation war Gießen an eine hervorragende Stelle in Deutschland gerückt. Auch die Universi⸗ tät, ein bedeutender Faktor in unserem öffentlichen Leben, hat ihre Lehrstühle erheblich vermehrt und ihre Studenten⸗ zahl hat bereits das zweite Tausend begonnen. Aeußerlich zeigt sich dieser all⸗ gemeine Aufschwung in dem Anwachsen der Bevölkerung, die seit 1880 um die Hälfte ihrer damaligen Ziffer gestiegen ist, und in der Entstehung neuer Stadt⸗ teile, die zum Teil reizende Villenviertel aufweisen,.

Die Anfänge der Stadt reichen in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück. Vom Gleiberg aus wurde hinter der jetzigen Stadtkirche lbam Burggraben!) zum Schutze des gleichfalls dem Gleiberger Grafengeschlecht seine Entstehung ver- dankenden Augustiner-Stifts Schiffen⸗ berg eine Wasserburg errichtet, die 1197 zum erstenmale unter dem Namenzu den Gyezen urkundlich erscheint und sich bald zu einer Stadt erweitert. Nach dem Aussterben des Gleiberger Grafen hauses fällt Gießen durch Erbgang im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts an die Pfalzgrafen von Tübingen, aus deren Hand es zwischen 1264 und 1265 wahr⸗ scheinlich durch Kauf in den Besitz der Landgrafen von Hessen übergeht. Schon frühe hatte die Stadt als befestigter Ort und als Sitz eines Gerichts 1250 werden ein Schultheiß und acht Schöffen