IV Fremdenführer durch Gießen.
urkundlich bezeugt— für die Umgegend Bedeutung gewonnen. In den zahl⸗ reichen Fehden der neuen Herren, be— sonders in den Kämpfen mit Mainz, fiel ihr eine wichtige Rolle zu. In dem Schutze ihrer Mauern siedelte sich viel Volks vom platten Lande an und 1325 hören wir von der ersten Stadterweite— rung, als Landgraf Otto dem Zuzug Bürgerrecht erteilt. Das Verhältnis zwischen der Stadt und dem Land— grafenhaus war allezeit gut. Trotz aller Drangsale, die sie in den kriegerischen Zeiten auszuhalten hatte, hielt die Bürger⸗ schaft im Gegensatz zu den Städten Nie— derhessens in unwandelbarer Treue zu ihren Herren. Dafür wurde sie von diesen mit mancherlei Freiheiten bedacht. Landgraf Herrmann der Gelehrte gab ihr eine freisinnige Ratsverfassung, die ihr von der Vormundschaft seines Sohnes nur vorübergehend wieder entzogen wurde. Dieser Sohn, Ludwig der Fried⸗ fertige, verleiht der Stadt zwei Jahr⸗ märkte, denen Kaiser Maximilian 1497 zwei weitere zufügt. Landgraf Wilhelm II. endlich beruft in seinem Testament(1500) den Bürgermeister von Gießen in den Rat der Landstände, vor dem die Vor— münder seines Sohnes, Philipps des Großmütigen, Rechenschaft ablegen sollen.
Unter Philipp beginnt für die Stadt eine neue Epoche, sie erhält von ihm ihre Festungswerke und wird zu einem Haupt⸗Waffenplatz des Landes. Zwar
werden die Werke 1547 auf Befehl
Karls V. durch den Grafen Reinhard von Solms geschleift, aber Philipp baut sie 1560— 1564 bedeutend verstärkt wieder auf.
Nach dem Tode dieses größten aller hessischen Landgrafen wird sein Erbe unter seine Söhne geteilt und Gießen fällt Ludwig IV. von Marburg zu. Als dieser kinderlos gestorben war, gelangte der südliche Teil Oberhessens mit Gießen an Ludwig V., den Getreuen von Darmstadt, der 1605 ein Gymna- sium illustre und zwei Jahre später
die Universität gründete. Von 1625 bis 1650 wurde die Hohe Schule mit der Marburger vereinigt, so lange Marburg mit dem nördlichen Oberhessen im Be— sitze der Darmstädter Linie war Als dieser Teil endlich Hause vereinigt wurde, kehrte die Uni⸗ versität endgültig nach Gießen zurück. Während des dreißigjährigen und des siebenjährigen während der Revolutionskriege, hatte
mit dem Kasseler
Kriegs, schließlich
die Stadt sehr viel zu leiden. Hier aber
zeigte es sich, daß sie als Festung ihre Rolle ausgespielt hatte, und mit dem neuen Jahrhundert fiel der sie ein— engende Gürtel; die Werke wurden 1805—1810 geschleift.
In kirchlicher Beziehung war Gießen zunächst unselbständig; es war der viel älteren Kirche von Selters inkorporiert. Mit ihr unterstand es dem Archidiako— nat in Dietkirchen und mit diesem der Diöcese Trier. Am Ende des 13. Jahr⸗ hunderts wird die Pfarrei nach Gießen
verlegt, wo seither nur eine Kapelle des
h. Pankratius bestand. Diesem Heiligen bleibt auch die Pfarrkirche fürderhin ge— weiht. Die Reformation fand bald nach 1530 ihren Eingang in unserer Stadt und Daniel Greser war der erste evan— gelische Pfarrer. Im Jahre 1601 wurde Gießen der Sitz einer Superintendentur
mit Jeremias Vietor als erstem Super⸗
intendenten.
Unternehmen wir nun einen schnellen Gang durch die Stadt.
Das erste Gebäude, das uns in die
Augen fällt, wenn wir vom Bahnhofe kommen, ist das kürzlich erweiterte statt— liche Postgebäude.
Ihm schräg
gegenüber streckt sich ein langer, der Wissenschaft geweihter Bau, der das anatomische und das zoologische
Institut birgt. Die Sammlungen des
letzteren sind reichhaltig und sehenswert.
Wir biegen in die Liebig-Straße ein und haben zur Rechten
neben dem
Hauptsteueramt die chirurgische


