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Von deutscher Sprache : Aufsätze, Vorträge und Plaudereien / von Otto Behaghel
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Thüringer von den slawischen Besiegten das Wort dowre gut gelernt; so haben unsere Soldaten aus Rußland den Panjewagen, das Panjepferd mitgebracht. Aber dieser Austausch kann sich auch innerhalb des deutschen Gebietes selbst vollziehen: in den Rheinlanden, in Thüringen hat das Hochdeutsche dem Niederdeutschen Boden abge= wonnen, und das heutige Niederdeutsche hat manche seiner Besitztümer von einem Überschlagen hochdeutscher Sprachwellen empfangen. Die fremden Bestandteile können aber auch auf literarischem Wege ein­gedrungen sein, wie die zahlreichen Wirkungen, die das Lateinische zur Zeit des Humanismus ausgeübt hat.

Die von außen hereinwirkende Spracheinheit kann aber auch ein Glied der deutschen Sprache selber sein. Wörter, Wortformen, Sazz­fügungen der Schriftsprache dringen in die Mundart ein, zumal in den Städten, in abgeschwächtem Maße in deren Nachbarschaft. Die eigene ältere Sprache wird bei den Nachkommen wieder lebendig, frühere Schriftsteller wirken auf spätere. So steht die deutsche Dichtung des 13., 14 Jahrh. sprachlich unter dem Bann der klassischen mhd. Dichtung, die sich um die Scheide des 12. und 13. Jahrh. entfaltet hat; im einzelnen haben Wolfram und Gottfried starke Nachfolge gefunden. Luthers Bibelsprache wirkt nach bei Hamann, bei Goethe und durchdringt unsere eigene volkstümliche Rede. Den Hauch der Goetheschen Sprache, zumal des Wilhelm Meister, verspürt man in der Romantik, bei Immermann, Mörike; in manchem hat Schiller von Goethe gelernt. Jean Pauls Bilder und spielerische Weise sezen sich fort z. B. bei Gaudy, Adalbert Stifter, in den vertrauten Briefen Joh. Peter Hebels. So können geradezu Moden entstehen. Bei den galanten Poeten des 17. und 18. Jahrh. sind Ausdrücke wie artig, süß, zärtlich, Reiz, Un­schuld, Wollust in hohem Maße beliebt; in unsern Tagen ist restlos im Sinne von vollſtändig unter dem Eindruck der Heeres­berichte zum lästigen Modewort geworden.

Die von anderen Spracheinheiten nicht beeinflußte Veränderung ist in gewissem Umfang Ausfluß eines Spieltriebs, der sich im Spiel mit den Lauten gefällt, in absichtlicher Verrenkung der Wortgestalten, wie in dem tollen Wirbel der Fischartschen Wortgebilde, in Hamann­schen Seltsamkeiten, in den Lautreihen des Studentenliedes( Juvi­vallera; Lautoria; Zwilliwilliwik), den Um- und Neubildungen