Jahrgang 
1856
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noch viel weniger ſoll man ſie vornehm ignoriren, oder gar mit ungeiſtigen Waffen bekämpfen, auch nicht das Kind mit dem Bade ausſchütten, und der Wiſſenſchaft aufbürden, was nur einer verkehrten Auffaſſung und Be⸗ handlung derſelben zugeſchrieben werden kann. Die Rüſtkammer der Mathematik und Naturwiſſenſchaften ſelbſt liefert die beſten Waffen gegen die mit der Natur in Widerſpruch ſtehenden Lehren. Moleſchott und Büchner haben ſchon ihren Liebig und Schönbein gefunden, und Newton, Haller und Pascal können in demſelben Grade als Muſter eines frommen, demüthigen, gottergebenen Sinnes und Wandels aufgeſtellt werden, als ſie in den Naturwiſſenſchaften und in der Mathematik ſich einen unſterblichen Namen erworben haben. Am gründlichſten und mit dem größten Ernſt muß aber den Meinungen, die hier und da laut geworden ſind, und welche, wenn ſie allgemein in's Leben und in die Schule drängen, wie ſie leider hier und da ſchon zur praktiſchen Geltung gekommen ſind, eine Degradation der Wiſſenſchaften, der Schulen und der Bildung im Gefolge haben würden, entgegen getreten werden. Man hat nehmlich geſagt, die einzelnen Wiſſenſchaften wachſen ſo ſtark an, daß ſie zu einer gründlichen Betreibung ihren Mann ganz fodern, und es ſei daher nöthig, daß man die Arbeit theile. Auch ſeien die Univerſitäten dazu in's Leben gerufen, daß ſie dem Staat und der Kirche tüchtige Diener bilden, und es käme alſo nur auf Fachſtudien an. Wozu ſeien, um von beſtimmten Berufsarten und Fächern zu reden, dem Theo⸗ logen Mathematik und Naturwiſſenſchaften, wozu dem Techniker, oder auch Mathematiker und Phyſiker das Studium der Sprachen nöthig. So unwahr und niedrig gegriffen dieſe Anſicht von der Beſtimmung der Wiſſenſchaften und der Schulen auch iſt, ſo iſt ſie doch ſchon vielfach in's Leben, namentlich auch der Univerſitäten gedrungen, und hat bier und dort das Streben nach Bildung von Fachſchulen, bei den Gymnaſien das Streben nach Ausſcheidung und Beſchränkung des mathematiſchen und naturwiſſenſchaftlichen Unterrichts zur Folge gehabt. Wie groß die Furcht wiſſenſchaftlich gebildeter, ernſter Männer vor dieſer Abſonderung der Wiſſenſchaften, dieſem Streben nach Facul⸗ tätswiſſenſchaften und Fachſchulen iſt, und was für Gefahren und Nachtheile daraus für die Bildung erwachſen, das hat ganz vortrefflich Prof. Hundeshagen in ſeiner Rede über die innere Miſſion auf den Univerſitäten geſagt. Ich hebe daraus blos die Stelle hervor, welche zeigt, wie ſehr das Streben nur nach Fachſtudien ſelbſt auf den Univerſitäten und unter jungen Leuten, die vor allen Dingen dem idealen Leben zugewandt ſein ſollen, ſchon um ſich gegriffen hat.Gehört es nicht, ſagt der beſorgte Mann, zu den Wahrnehmungen, welche ſich in immer weitern Kreiſen unſerer Nation machen laſſen, daß eine bisher unerhörte Gleichgültigkeit gegen höhere Culturintereſſen, eine Abgeſtumpftheit gegen alle Regungen des höhern wiſſenſchaftlichen Sinnes eingeriſſen iſt? Dringt nicht zugleich dieſe Gleichgültigkeit und Abgeſtumpftheit des Nationalgeiſtes bis in unſere Hörſäle vor? Hört man nicht von allen Univerſitäten Klagen über Abnehmen des eigentlich wiſſenſchaftlichen Strebens unter den Studirenden, über den Mangel, wenn auch nicht an Fleiß, doch an höherm Sinn, an geiſtigem Schwung und lebendigem Intereſſe für die Studien? Iſt es nicht Thatſache, daß die überwiegende Mehrzahl kaum mit etwas Mehrerem ſich beſchäftigt als mit den Fachcollegien und dem, was für die Examina unerläßlich iſt? Wird nicht im Norden und Süden darüber geklagt, daß für Collegien, die vor 20 30 Jahren von Hunderten beſucht wurden, ſich jetzt kaum eben ſo viel Dutzende zuſammenfinden? Befindet ſich nicht das philoſophiſche Stu⸗ dium vor allem in einem von allen Seiten beklagten Verfall, oder leiden etwa blos die ſpeculativen Studien unter dieſer Ungunſt, oder dehnt ſich dieſelbe nicht auf das ganze, weit gedehnte Gebiet aus, das von den Leh⸗ rern der philoſophiſchen Facultät bearbeitet wird? Alle Wiſſenſchaften dienen der Wahrheit, ſtehen in einem organiſchen Zuſammenhange, und ſo wie der einzelne Menſch, welcher ſeinen Sinn nicht offen hält für jede Wahrheit, in Starrheit und Einſeitigkeit verkommt, ſo geräth jede Wiſſenſchaft, welche ſich iſolirt von den andern, auf Irrwege, ſtirbt ab am Baume des Lebens, oder treibt wildes Holz, ſchießt in's Laub, bringt keine erfri⸗ ſchende, nährende Früchte. Was Gott zuſammengeführt bat, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden. Nicht iſoliren, nicht ausſtoßen, zuſammenführen, in's Intereſſe ziehen! Was hier erworben wird, kommt dort zu gut, die Wahrheit iſt eine, der Geiſt iſt ein einiger. Wer die Mathematik und die Naturwiſſenſchaften auf den Gymna⸗ ſien beſchränkt und drängt, der treibt bewußt oder unbewußt zu Fachſchulen hin, befördert das Facultätsweſen,