Jahrgang 
1856
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durchdringende Fernrohr nicht mehr erreicht, das Mikroſtop nicht mehr auseinanderlegt, das Mikrometer nicht mehr mißt, dem Gedanken kann es ſich nicht entziehen. Dieſelbe Kraft, welche die abgeſchoſſene Kugel zur Erde zieht, treibt den Mond in gemeſſener Entfernung um die Erde, den Mond mit der Erde im Verein um die Sonne, den einen Doppelſtern um den andern herum. Daſſelbe Geſetz der Schwere wirkt auf der Erde, welches da wirkt, von dem der ſchnellſte aller irdiſchen Boten uns erſt nach Jahren Kunde bringen kann. Das Licht des fernſten der Firſterne wird gerade ſo reflectirt, gerade ſo gebrochen, gerade ſo polariſirt, als das Licht der Sonne. Und dieſelben Kräfte, dieſelben Geſetze, welche heute die Erſcheinungen in der Natur regeln, haben ſie geregelt zu allen Zeiten. Zu allen Zeiten dieſelben phyſikaliſchen und chemiſchen Geſetze, dieſelben Zwecke und Mittel, immer derſelbe Inſtinkt, in dem menſchlichen Geiſt ſtets daſſelbe Geſetz, im ganzen Weltall zu allen Zeiten immer dieſelbe ordnende Weisheitim ewigen Wechſel ein beharrender Geiſt, ein feſter Pol in der Erſcheinungen Flucht.Wer in der bewegten Zeit, in der wir leben, ſagt Alexander von Humboldt, noch das Vorurtheil nährt(nehmlich, daß das Studium der Naturwiſſenſchaft den Naturgenuß ſtöre), der verkennt bei dem Fortſchreiten menſchlicher Bildung die Freude einer höhern Intelligenz, einer Geiſtesrichtung, welche Mannigfaltigkeit in Einheit auffaßt, und vorzugsweiſe bei dem Allgemeinen und Höhern verweilt.

Und ſo wollen wir denn übergehen zu der Frage, was für Foderungen ſich aus der Bedeutung, welche Mathematik und Naturwiſſenſchaften für das geiſtige Leben haben, an das Gymnaſium ergeben. Man ſollte nicht glauben, daß gerade die Naturwiſſenſchaften es ſind, welche heut zu Tage ſo manchen Anfechtungen und Angriffen ausgeſetzt ſind. Auf die Stimme derjenigen, welche den Naturwiſſenſchaften und den Schulen, in welchen Natur⸗ wiſſenſchaften gelehrt werden, ſo gern nachſagen, daß dieſelben dem Nützlichkeitsprinzip dienten, nach Brod gien⸗ gen, in der Wiſſenſchaft nur die milchgebende Kuh ſähen, iſt wenig zu geben, denn jede Wiſſenſchaft kann miß⸗ braucht werden, und ich weiß nicht, was für ein Unterſchied darin liegt, ob ein Schüler ſein Hebräiſch, Grie⸗ chiſch, Latein treibt, weil er es ſpäter im Examen nöthig hat, und Pfarrer werden will, oder ob er Botanik und Chemie treibt, weil er es ſpäter im Examen nöthig hat und Apotheker werden will. Nicht viel mehr Gewicht möchte ich legen auf die Stimmen jener ängſtlichen Gemüther, die ſich erſchrecken laſſen durch das marktſchreieriſche Gebahren ſo vieler populären Schriften, durch das Laufen in ſo manche populäre Vorleſungen, durch das Anpreiſen der Wiſſenſchaften von ignoranten Verehrern derſelben.Freilich, ſagt Fechner, ſeit die Naturwiſſenſchaft die Dampfmaſchine erfunden hat, iſt ſie ganz übermüthig geworden, und ſchwer mit ihr aus⸗ zukommen oder nur ihr nachzukommen, denn offenbar iſt jetzt die Maſchine mit ihr im Durchgehen begriffen. Wohin? das weiß der Himmel, jedenfalls nicht in den Himmel, wenn es in derſelben Richtung fortgeht. In⸗ zwiſchen meint ſie doch ſchon etwas von der Allwiſſenheit zu haben. Auch weiß ſie gar viel, doch thut ſie nun, als ob ſie alles wüßte. Rabeners Freund hatte in ſeinen Briefen ſo viel mit X und y um ſich geworfen, daß Rabener vermuthen durfte, der Freund habe erſt eben angefangen Algebra zu ſtudiren. In dieſem Betracht kann die Naturwiſſenſchaft auch ſagen:Gott bewahre mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden iſt es mir nicht bange. Was iſt aber mit ſolchen Leuten zu machen? Entweder man ſchreibt ihnen luſtige Rabe⸗ ner'ſche Briefe, oder man läßt ſie, wie es Fechner thut, laufen und ausſchnaufen. Strohfeuer flackern leicht auf, fallen aber auch raſch zuſammen, und begeiſterte Ignoranten haben auch ihr Gutes. Gewichtiger iſt die Stimme derjenigen, welche in dem Gefolge des heutigen Studiums der Naturwiſſenſchaften alle jene Uebel erblicken, die über den Menſchen hereinbrechen, wenn er ſich derOberherrlichkeit des Geiſtes entzieht, ſeine wahre Heimath in der Sichtbarkeit zu finden glaubt, und der Botmäßigkeit der Sinnlichkeit ſich hingiebt; denn es kann, wie ſehr man nach dem Vorigen auch geneigt ſein möchte, die Richtigkeit der Thatſache in Zweifel zu ziehen, nicht geläugnet werden, daß es heut zu Tage viele Naturforſcher giebt, welche die Natur in den Dienſt des Menſchen ſtellen, aber den Menſchen ſelbſt zum Sklaven der Sinnlichkeit und Selbſtſucht machen, alle geiſtige Erſcheinungen in bloße Thätigkeitsäußerungen der Materie verwandeln, überall nur einen bloßen Mechanismus, nirgends das Walten eines unendlichen Geiſtes ſehen. Vor ſolchen Erſcheinungen ſoll man nicht ängſtlich die Augen verſchließen,