Jahrgang 
1856
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S

Natur gegenüber. Sein Leben wird zu einem ſelbſtbewußten, innig mit der Natur zuſammenhangenden, verwandten, aber doch bewußt geſchiedenen. Was gehört der Außenwelt, dem äußern Sinn, was gehört mir eigenthümlich an, was habe ich rein weg durch die Sinne empfangen, was habe ich aus meinem Innern hinzugethan. Das ſind die zunächſt ſich aufdrängenden und wichtigſten Fragen für den ſich ſelbſt gefundenen Geiſt, der ſich in der Welt zu orientiren ſucht, ſich nicht von ihr zu trennen denkt, aber auch nicht Willens iſt in ihr zu verſchwim⸗ men, ein bloßer Spiegel oder ein bloßes Product der äußern Welt. Und damit kommen wir wieder bei der eigentlich wiſſenſchaftlichen Auffaſſung der Natur an. Die Naturwiſſenſchaften gehen nach Vorigem entweder auf Beſchreibung und Claſſification der Naturkörper wie in der Naturgeſchichte aus, oder ſie haben die Ermitt⸗ lung des äußern und innern, in erſter Rückſicht des ſcheinbaren und wirklichen, in letzter des cauſalen und teleologiſchen Zuſammenhangs wie in der Phyſiologie, Chemie und Phyſik im weitern Sinne zu ihrem Zwecke. Die Wahrnehmungen des äußern Sinnes, in Beziehung auf die Naturgeſchichte Merkmale, in Beziehung auf die erklärenden Naturwiſſenſchaften Phänomene oder Naturerſcheinungen im weitern Sinne genannt, bilden die äußern Elemente, die Thatſachen der Naturwiſſenſchaften. Alles Uebrige gehört ſeinem Urſprunge und ſeinem Inhalte nach dem auffaſſenden, trennenden, verknüpfenden, hinzudenkenden Geiſte an. Schon die Beziehung aller Merkmale eines Körpers auf ein und daſſelbe Subſtrat iſt ein reiner Act unſerer gedanklichen Auffaſſung, wie alle Beziehungsmerkmale als ſolche nicht mehr reine Wahrnehmungen des äußern Sinnes ſind. Durch Vergleichen und Unterſcheiden, durch Zuſammenfaſſung des Gleichen in Verſchiedenem gelangen wir zu abſtracten Begriffen. Die Claſſification der Naturkörper in der Naturgeſchichte hat es bloß mit der Bildung abſtracter Begriffe zu thun. Wie viel Individuen man zu einer Species, wie viel Species man zu einer Gattung ꝛc. zu vereinigen habe, iſt, wenn keine andere Rückſichten als blos logiſche zur Betrachtung kommen, eine ſehr unbeſtimmte Frage, und das Geſchäft des bloßen Unter⸗, Ueber⸗ und Nebenordnens könnte uns höchſtens ein logiſches Intereſſe abgewinnen, würde uns aber in der Erkenntniß der Natur der Naturkörper gar wenig för⸗ dern. Sowohl bei der künſtlichen als auch bei der natürlichen Claſſification ſetzt man das Individuum und die Species als etwas Gegebenes voraus, aber was iſt im naturhiſtoriſchen Sinne ein Individuum, was eine Species? Unter einem Individuum denkt man ſich immer einen einzelnen Naturgegenſtand, der als ein etwas in ſich Abgeſchloſſenes, Ganzes, als ein in ſich ſelbſt Zuſammenhangendes, durch ſich ſelbſt Gegebenes, als ein ſeine geſammten Eigenſchaften feſt Umſchließendes vorhanden iſt. Nun aber kann kein Naturkörper nach ſeinen geſammten Eigenſchaften der Beſchaffenheit und der Größe vollſtändig und genau aufgefaßt und dargeſtellt werden. Kennen wir dagegen die Natur eines Gegenſtandes, ſo iſt uns der ganze Gegenſtand bekannt. Unter der Natur eines äußern Gegenſtandes aber verſtehen wir daſſelbe, was man in der Mathematik unter dem Weſen eines beſtimmten, concreten Gebildes, unter ders Summe ſeiner Beſtimmungselemente verſteht. So wie nun ein geometriſches Gebilde vollkommen gegeben iſt, wenn man ſeine Beſtimmungselemente kennt, z. B. ein Dreieck, wenn man zwei ſeiner Seiten und den zwiſchen dieſen Seiten liegenden Winkel kennt, zwiſchen den ſämmtlichen Merkmalen des Gebildes alſo ein feſter, inniger Zuſammenhang ſtattfinden muß, und dadurch jedes zuſammengeſetzte Gebilde der intuitiven Anſchauung als ein in ſich geſchloſſenes Ganzes, von allen andern Objecten der innern Anſchauungswelt genau Geſondertes erſcheint, ſo werden wir in der Naturgeſchichte auch dann, und erſt dann von einem Individuum ſprechen, wenn wir zwiſchen allen ſeinen Eigenſchaften einen ſolchen Zuſammenhang, eine ſolche Abhängigkeit und Zuſammengehörigkeit aufzuweiſen vermögen.

In der Mathematik ſind alle Gebilde congruent, vollkommen identiſch, bloße Wiederholungen von einander, wenn ſie in ihren Beſtimmungselementen übereinſtimmen. In der Naturgeſchichte würden alle Individuen derſelben Spezies auch als bloße Wiederholungen voneinander erſcheinen, wenn ſie ſich nicht durch ihre unweſentliche Merkmale voneinander unterſchieden. Auf das Abſcheiden des Unweſentlichen wird es alſo bei der Bildung einer Spezies ankommen. Man wird es für unweſentliche Verſchiedenheiten anzuſehen haben, wenn zwei Pflanzen blos in ihrer abſoluten Größe von einander abweichen, ſich alſo verhalten wie eine Pflanze in