Jahrgang 
1856
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lichen Stoffes wirkt hinwiederum belebend und fördernd auf unſere ſinnliche Auffaſſung ein. Schon die bloße Wahrnehmung gewährt eine geiſtige Freude. Der Schwachſichtige freut ſich, wenn er das erſte Mal durch eine ſcharfe Brille ſieht; der Flor vor ſeinen Augen iſt zerriſſen, der Nebel iſt verflogen. Die neue Welt des Mikro⸗ ſkops und des raumdurchdringenden Fernrohrs erhöhen die Luſt, und man freut ſich des weithin geöffneten Feldes neuer Anſchauungen, neuer Uebung, neuen Genuſſes. Die Mannigfaltigkeit der Farben und Formen erfreut das Auge; mit Luſt hört man dem Brauſen des Windes, dem Rauſchen des Gießbachs zu. Uebung der Sinne für ſich allein gewährt ſchon ein großes Vergnügen, wie eine freie, ungehemmte Stockung und Uebung der Gliedmaßen das Gefühl großer Behaglichkeit und Wohlbefindens erzeugt. Aber der geiſtig erregbare Menſch bleibt nicht lange ſtehen bei dem bloßen Reiz der Sinne. In ſeinem Innern fängt es zugleich an zu ſpielen; die Memnonsſäule erklingt, berührt vom ätheriſchen Strahl; der Schmetterling breitet ſeine Flügel der weckenden, belebenden Sonne entgegen; Pſyche erwacht, und ſtellt ſich in die Reihe der Lebendigen, empfangend und ſpendend, aufnehmend und hineinſtrahlend, verklärend und ſich verſenkend in die ſchmeichelnde Welt. Die Natur ſpiegelt ſich in der Seele des Menſchen. Je reiner, je treuer der Spiegel, deſto lebhafter, deſto wahrer der Refler. Die Sprache ſchließt ſich als unmittelbare Aeußerung des Innern dem reinen Naturgefühl an, und ſo erzeugt ſich in friſchen, der bildungsreichen Natur zugewandten Völkern jene naturwüchſige, klare, wohllautende, biegſame und bildungsreiche Sprache, voll ſinnbildlicher, tief in der Natur wurzelnder, urkräftiger Stämme, abgeleiteter und abgewandelter Formen. Beſtaubte, angehauchte, unebne, geſpannte Spiegel geben matte, verzerrte Bilder. Nur Naturvölker, aus ſich ſelbſt erwachſene, nicht von Außen beſtimmte, nicht der Frühreife anheim gefallene Völker zeigen in ihrer Sprache, Literatur und Sitte die wohlthuende Friſche der Natur. Durch Wiederzuwenden zu der Natur kann ſich das Gefühl wieder erfriſchen, die Sprache wieder beleben. Erneuerter Umgang mit der Natur, Naturbeſchrei⸗ bungen, Naturſchilderungen, Hervorholen der aus der Jugendzeit, dem Naturleben des Volkes herrührenden Lite⸗ ratur und Kunſt können den alten Leib wieder verjüngen. Mit der Uebung der Sinne, der Luſt an lebendigen Anſchauungen und dem Erwachen des eignen unmittelbaren Gefühls, ausſtrömend im friſchen, alle Schattirungen und Bewegungen des Innern treulich begleitenden Wort beginnt das Spiel der Imagination, des Schaffens und Bildens neuer Geſtalten, der Hineintragung des Innern in die Welt der äußern Dinge, und der Verwendung des Aeußern zu Gebilden der dichtenden Phantaſie. Wie auf der Stufe des unmittelbaren Gefühls der Wechſel und Strom der Erſcheinungen vor den Sinnen einen genau in Folge und Größe entſprechenden Wechſel und Strom der Gefühle und Vorſtellungen im Innern und eine ſich eng anſchließende Darſtellung des Innern in Miene, Bewegung und Laut hervorrufen, ſo wirkt das zur Thätigkeit erwachte, in Fluß gerathene Leben der Seele nach den der Seele inwohnenden Geſetzen der Imagination und Ideenaſſociation erzeugend und beſtimmend auf die Vorſtellungen des äußern Sinnes zurück. Der Menſch ſpielt mit den Erzeugniſſen der eignen Seele, den Kin⸗ dern ſeiner Phantaſie, den in ihm lebenden Gebilden, als ſtammten ſie von außen her, als wären ſie nicht Fleiſch von ſeinem Fleiſch, nicht Bein von ſeinem Bein, als hüpften ſie auf der Wieſe, flögen durch die Luft, durchheulten den Wald, verfolgten ſich im überſtürzenden Lauf. Auch in dieſem Sinne kann das Wort des Dichters gelten: Er glaubt, was ihm die Seele ſchwellt, auch außer ſich zu ſchau'n. Der Menſch fühlt ſich ſelbſt noch nicht klar unterſchieden von der Natur um ihn herum, er verſchwimmt noch mit ihr zu einem ungeſonderten Ganzen, ſein Leben iſt noch ein Leben wie im Traum. Doch nach und nach fängt's an zu dämmern in ſeiner Seele; er findet ſich anders geſtellt zu den in ihrem Wechſel und ihren Veränderungen von ihm unabhängigen Erſcheinungen der Außenwelt, anders zu den ihm ganz angehörenden, ihm unterworfenen Bildungen der eignen Seele. Er fängt an zu fragen:Sind in dem Wald gewachſen wir wie Buchen, Eichen oder Schlehen? Er fühlt ſich vielfach verwandt mit der Natur, freut ſich ihrer Ordnung, Symmetrie und Harmonie, ahnt in ihr ein allwal⸗ tendes, ewiges Geſetz, einen großen wohl angelegten Plan, aber das Geſetz in der Natur fällt nicht zuſammen mit dem ſeines innern Lebens; auf der einen Seite an und durch die Natur gebunden, auf der andern Seite ganz und gar von ihr geſchieden, unabhängig und frei. So ſondert er ſich ab von der Natur, ſtellt ſich der