Jahrgang 
1856
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ſteht ſie noch auf einer gar niedern Stufe der Ausbildung, und zu einer eignen Schuldisciplin wird ſie wohl nie gemacht werden können. Faſt daſſelbe werden wir von der Phyſiologie als Wiſſenſchaft ſagen dürfen, und ſo bleiben uns blos die Naturgeſchichte im engern Sinne und die Naturkunde der unorganiſchen Körper im weitern Sinne übrig. Nun kann man die Naturgegenſtände, Naturkörper und Naturerſcheinungen, aus blos wiſſenſchaftlichem Zwecke zum Gegenſtand der Unterſuchung machen, oder ſie als Gegenſtand der Anwendung im praktiſchen Leben auffaſſen. Gewiß denke ich nicht gering von den Vortheilen, welche dem praktiſchen Leben aus der Beſchäftigung mit den exacten Wiſſenſchaften zugefloſſen ſind und noch immer zufließen. Was das Camel, das Pferd übernehmen kann, das ſoll dem Menſchen nicht aufgeladen werden, und was die lebloſe Natur zu verrichten vermag, das wird man nicht dem Menſchen und dem Thiere aufbürden wollen. Je mehr die Natur in den Dienſt des Menſchen geſtellt wird, deſto mehr kann ſich der Menſch dem Geiſtigen, der Arbeit des Geiſtes zuwenden. Wie viel Gedanken ſind nicht niedergelegt in den Werken der techniſchen Kunſt, und welche Fülle der geiſtigen Anregung ſpricht uns an aus ſolchen mit menſchlichen Gedanken durchdrungenen Werken! Was für treffliche Rückwirkung hat das techniſche, gewerbliche Leben auf die wiſſenſchaftlichen Strebungen der Ma⸗ thematik und Naturwiſſenſchaften gehabt! Wie oft iſt in neuerer Zeit die Praxis der Theorie vorausgeeilt! Die Viſſenſchaft iſt mehr in's Leben getreten, und das Leben hat ſich inniger an die Viſſenſchaft angeſchloſſen. Doch laßt uns jetzt auf die genauere Betrachtung der unmittelbaren Einwirkung des Studiums der Naturwiſſen⸗ ſchaften auf unſer höhres geiſtiges Leben eingehen. Die Naturwiſſenſchaften gehen entweder auf Beſchreibung und Claſſification der Naturkörper aus, oder ſie haben die Ermittelung des äußern und innern Zuſammenhangs der Naturerſcheinungen zu ihrem Zwecke. Wahrnehmen, genaues, ſichres Wahrnehmen, Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Fühlen iſt die erſte Bedingung einer wahren, naturgetreuen, geſunden Bildung des Geiſtes durch die uns umgebende Welt. Aber nicht Alle, die Augen haben, ſehen, nicht Alle, die Ohren haben, hören. Der Hirte unterſcheidet jedes Schaaf ſeiner Heerde von allen übrigen, während wir oft gar keine Unterſchiede unter ihnen wahrnehmen. Der Muſiker unterſcheidet jedes Inſtrument im größten Orcheſter. Doctor Heine unterſchied die ver⸗ ſchiednen Hautkrankheiten durch den bloßen Geruch. Ein Blinder unterſcheidet alle Metalle nach dem Gefühl, und einem Feinſchmecker entgeht nicht die geringſte fremde Beimiſchung. Man höre, was der Mineraloge an einem Steine wahrgenommen hat, und was ein wenigſtens in dieſer Richtung ungeübter Sinn an demſelben Steine bemerkt hat. Der gewöhnliche Bergmann ſieht nur Erze und Steine, der Bauer nur Kraut und Unkraut. Seit Peſtalozzi iſt man ganz beſonders auf den Werth des Anſchauungsunterrichts aufmerkſam geworden. Die genaue Ermittelung des Thatbeſtandes einer Klage vor Gericht iſt eine der ſchwierigſten Aufgaben des Richters. Sowohl durch Aus⸗ laſſung als auch durch Zuſätze wird oft ganz unabſichtlich der wirkliche Thatbeſtand getrübt. Der durch einen Gedanken, eine Vermuthung geleitete Sinn ſieht oft etwas, wo der nackte Sinn gar nichts bemerkt. Göthe hatte in einer gewiſſen Entfernung von einem Baume nicht ſehen können, daß deſſen Blätter gekerbt waren. Er ging in die Nähe, und ſah es. Dann begab er ſich wieder auf die frühere Stelle, und nun konnte er die Kerben ſehen. Bei außergewöhnlichen Erſcheinungen wird den Thatſachen häufig etwas Gedachtes hinzugefügt, und das Gedachte für Wahrgenommenes ausgegeben. So kann man wohl ſagen, daß Sonne und Horizont ihre Stellung gegen einander ändern, aber ich darf nicht ſagen, daß ich geſehen hätte, die Sonne bewege ſich. Ich kann wohl ſagen, daß ich wahrgenommen habe, eine Perſon habe dies und das gethan, aber nicht, ſie habe es durch dieſe oder jene Kraft, unter dieſem oder jenem Einfluß gethan. Aus den Hexenproceſſen iſt bekannt, daß eine Frau, nachdem ſie freigeſprochen war, zu ihren Richtern zurückkehrte, und denſelben bekannte, daß ſie doch eine Hexe ſei. Schärfung des Sinnes und genaue Sonderung des Gedachten vom Wahrgenommenen ſind die erſten Bedingungen für eine möglichſt vollſtändige und ſichre Auffaſſung des Thatſächlichen. Dieſer Stoff der ſinnlichen Wahrnehmung wird Stoff für das unmittelbare Gefühl, regt unſere Imagination an, weckt das Vermögen des Vergleichens, Sonderns, der Zuſammenfaſſung des Gleichen, der Erwartung ähnlicher Fälle, der Vermuthung des äußern oder des cauſalen und teleologiſchen Zuſammenhangs, und dieſe geiſtige Durchdringung und Verarbeitung des ſinn⸗