Zeichenunterrichtes, für welchen der Schule jetzt ein gecigneter Saal mit gut einfallendem Lichte zu Gebote steht. Er wird diese Aufgabe sicherer bei allen Schülern lösen, als die Ausbildung des technischen Könnens, der Hand- tertigkeit, für welche die im Lehrplane des Gymnasiums gegebene Stundenzahl nicht ausreicht.
Die körperliche Thätigkeit und Bewegung tritt in der gegenwärtigen Zeit schr hinter der geistigen Arbeit zurück. Das hat in dem Fortschritt der Kultur seinen Grund und ist bei dem deutschen Volke, dem Volke der Dichter und Denker, nicht grade wunderbar. Aber zu beklagen ist es doch, dass die Freiheit der Bewegung allent- halben mehr und mehr eingeengt und die Arbeit der Hand im Volke, besonders in den oberen Gesellschaftsklassen,. nach ihrem sittlichen Werte und ihrer Bedeutung für die Volksgesundheit und das menschliche Glück unterschätzt wird. Unter dieser Einengung und falschen Schätzung hat auch die Jugend zn leiden Denn von ihr gilt das Wort des Aristoteles doppelt, dass Leben Bewegung sei. Ihr natürlicher Tricb ist auf körperliche Bethätigung gerichtet, und deshalb freuen wir uns mit ihr, dass das Gymnasium nun eine luftige Turnhalle und einen ausgedehnten Spielplatz besitzt, wo die Schüler ihrer Neigung zu körperlicher Kraftentfaltung nachgehen dürfen, wo Turnübungen und Bewegungsspiele ein kräftiges Gegengewicht bilden gegen die Erschlaffung und Verweichlichung des Ruhigsitzens, wo sich ihr fröhlicher Wetteifer entzündet ohne Aussicht auf Gewinn oder Ehre oder eitelen Sinnesgenuss, wo auch der ältere Zuschauer beim Anblick der munteren Spiele an das Wort Ulrich von Huttens in etwas anderem Sinne erinnert wird:„O Zeit, es ist eine Freude in dir zu leben!“, wo sich die Zucht, deren die Jugend bedarf, mit der Vreiheit verbindet und die Arbeit mit der Erholung.—
Diese Verbindung, das rechte Gleichgewicht zwischen Arbeit und Ruhc ist eine wesentliche Bo- dingung nicht bloss für die körperliche Gesundheit und geistige Leistungsfähigkeit, sondern auch für das innere Ge mütsleben der Jugend. Wenn in der verstandesmässigen Stoffentwicklung nicht von Zeit zu Zeit angehalten wird, so kann das Wissen nicht bis ins Innere dringen, sich nicht befestigen, nicht kräftigend und regelnd auf die natürlichen Strebungen des Herzens wirken. Dass dies aber geschehe, dass neben einem gründlichen Verständnis auch ein selb- ständiges, starkes Fühlen für die Vorzüge und Nöte, für Freud' und Leid der Zeit und des Landes entstehe und daraus eine echt christliche und ccht vaterländische Gesinnung sich entw'ckele, das ist eine wichtige Aufgabe aller öffentlichen Schulerzichung, zumal in der Gegenwart, wo der angestrengte Wettbewerb des Lebens der Bildung eines gesunden Gemütslebens nicht günstig ist. Dazu soll unter anderm auch der Aufenthalt in dieser neuen Aula dienen. Als die alte im Jahre 1823 aus einer unbenutzten Kirche hergerichtet worden war, wurde sie am 15. September des gedachten Jahres durch eine öffentliche Schulprüfung eingeweiht und lange Zeit zur Ab- haltung von Prüfungen verwendet, bis im Jahre 1872 das gegenüberliegende Gebäude bezogen wurde. Solchem Zwecke ist dieser neue Raum nicht gewidmet, und doch soll sich in ihm der Geist offenbaren, der in der Schule herrscht und die Sitte, die in ihr gepflegt wird. Nicht ein Prüfungssaal wird die Aula sein, sondern cher eine„Familenhalle“ für die Schule zur Versammlung ihrer Glieder und eine„Prunkhalle“ für Schulfeste. Hier wird sich die Schule wie eine grosse Familie zusammenfinden zu gemeinsamem Aufschwung und zur Pflege deutschen Volkstums, hier werden die jüngeren Schüler mit den älteren sich beim Chorgesang in selbstverleugnender Mitwir- kung vereinigen und an dem Gelingen des Ganzen ihre gemeinsame Freude empfinden, hier werden die Glieder der Schule mit ihren Freunden zusammensitzen, um sich erzählen zu lassen von den Geschicken des Vaterlandes, von dem Leben und Wirken der edelen Fürsten und Helden des Volkes, hier werden, so hoffen wir, die Schüler das Ge- hörte eifrig aufnehmen und veredelnd auf sich wirken lassen.
Die Erzichung derjenigen jungen Leute, die dcreinst das Salz der Erde bilden und an der Leitung in Gemeinde, Staat und Kirche teilnehmen sollen, ihre Ausrüstung zur Mitarbeit an den höchsten geistigen und sittlichen Aufgaben der Zeit— das ist ein hohes Ziel, welches unserer Schule nicht erst heute gesteckt wird und dem sie nicht erst von heute ab zustrebt. Aber von den Schwierigkeiten, die auf dem Wege nach dem bezcichneten Ziele lagen, sind jetzt, wo der Lehranstalt die notwendige Erweiterung und Erneuerung vergönnt worden ist, einige wesentliche fortgeräumt, und neue Hülfsmittel sind ihr gewährt. Deshalb ist heute unsere Freude gross, und wir nehmen mit Loben und Dapken die neuen Räume ein, indem wir uns gleich- zeitig vornehmen, als die Ersten einen guten und verheissungsvollen Anfang zu machen. Zwar ‚mur die That allein beweist der Liebe Kraft,“ und Worte scheinen wenig zu bedeuten gegenüber den Opfern und Anstrengungen, denen wir diese neuen Gebäude verdanken. Und doch ist das Hauptmittel, dessen sich die Schule bei ihrer Arbeit be- dient, gerade das Wort, das zwar unscheinbar ist, aber im Leben der Menschen gar oft die gewaltigsten Wirkun-


