gen hervorgerufen hat. Und auch an dieser Stätte kann das nur eben hingeworfene Wort den Keim des Bösen in ein Herz bringen, wie die edelste Frucht tragen, ebenso den Stachel zum Bösen wie zum Guten zurücklassen. So mögen denn nur gute Worte von hier ausgehen, Worte, voll und verständlich, die nicht zu hoch und doch imstande sind die Jugend zu erheben, nicht verletzend und doch geeignet, die Herzen bis ins Innerste zu treffen, sie dauernd für das Wahre, Gute und Schöne zu entzünden. Ihr aber, lieben Schüler, möget die hier gesprochenen Worte auf- merksam und vertrauensvoll aufnehmen, damit sie als ausgestreute Geisteskörner in euerem Innern fröhlich auf- spriessen und die besten Früchte bringen. Für euch, ihr Knaben und Jünglinge, ist dieses Haus gebaut, und wie ein englisches Sprichwort sagt:„Das Haus meine Burg,“ so sollt ihr euch auch in diesem Hause fühlen wie ein Ritter in seinem Burgfrieden. Wie in einer von innen und aussen umwehrten Burg, so möget ihr hier frei und willig üben, was echt ritterlich und echt ehrbar ist: gute Sitte, edlen Anstand und wahren Schülergeist. Es sind nicht neue Forderungen, welche an euch gestellt werden, aber die neue Umgebung mahnt euch eindringlich, die alten Tugenden des Gehorsams, des Fleisses, der frommen Gesinnung in neuer Kraft zu bewähren. Bedenkt, dass euer gutes Verhalten die schönste Zierde dieses Hauses sein wird, das edelste Kleinod euerer Burg.
Und nun, meine Herren Amtsgenossen, lassen Sie uns in dieser feierlichen Stunde einander die Hände rei- chen zu fernerem einmütigen Zusammenwirken in hoher Auffassung unseres schwierigen Berufes; lassen Sie die Liebe und Treue, mit der wir die unsrer Pflege anvertraute Jugend, auch den geistig und sittlich schwachen Teil derselben, auf dem Herzen getragen, wie bisher die Triebfeder unseres Arbeitens sein, lassen Sie uns, so viel wir können, dahin wirken, dass die äussere Erweiterung der Anstalt auch ihrem inneren Leben zum rechten Segen gereiche. Freilich ohne Unterstützung kann die Schule ihr Ziel nur halb erreichen und muss es häufig ganz verfehlen. Deshalb bitte ich bei der heute sich bietenden Gelegenheit die Eltern unserer Schüler und alle die- jenigen, denen die Pflege einzelner Zöglinge anvertraut ist, doch mit Wort und That die Absichten der Schule zu unterstützen und alles von der Jugend fern zu halten, was ihr leiblich und geistig nachteilig sein könnte Als vor fast hundert Jahren unsere Anstalt ins Leben gerufen worden war, da nahm die Schmiedezunft unserer Stadt an dieser Grün- dung Anstoss und überredete die Bürgerschaft, bei der neuen Einrichtung sei es lediglich darauf abgeschen, die Mit- tel der Stadt zum Vorteile der hochfahrenden Jugend der kammergerichtlichen Personen auszunutzen. Heute ist eine so schiefe Beurteilung unserer von dem Staate unterhaltenen Schule, die ja auch Söhnen unbemittelter Eltern zugänglich ist, nicht mehr zu befürchten, und ich ecmpfehle mit gutem Vertrauen die Wohlfahrt des Gymnasiums, mit der ja auch die Wohlfahrt der Stadt verknüpft ist, und diese Gebäude der Förderung und dem Schutze unserer klassisch geweihten, altehrwürdigen und doch an dem frischen Leben der Gegenwart teilnehmenden Stadt. Die uns vorgesetzten Behörden aber werden, des bin ich sicher, die bisher bewiesene Teilnahme und Unterstützung, deren wir auch fernerhin bedürfen, uns auch künftig nicht versagen.
Mit aller menschlichen Unterstützung aber werden wir unsere Aufgabe doch nur lösen können, wenn uns gleichzeitig der Beistand des grossen Bundesgenossen im Himmel zu teil wird. Deshalb schreiben wir im Geiste de- mütig über die Thür unsrer Halle den einfachen Spruch, den der gottesfürchtige Bauersmann vor Zeiten an sein neues Haus setzte:
„Wo Gott nicht gibt zum Haus sein' Gunst, da ist all' unser Bau'n umsunst.“
Ja, Gott gebe in Gnaden, dass dieses Gymnasium als eine Pflanzstätte echter Geistes- und Herzensbildung weit in das nächste Jahrhundert hinein sich bewähre, blühe und gedeihe!—
Die Schule muss ihre Werktagsarbeit in stil'er Zurückgezogenheit verrichten, weil am Markte des öffentlichen Lebens eine gesammelte Thätigkeit nicht möglich ist. Sie fühlt sich aber in dieser Zurückgezogenheit nicht allein; sie weiss, die Aufgabe der öffentlichen Erziehung bildet einen Teil der allgemeinen Aufgabe, an deren Erfüllung jeder in seinem Berufe mitzuarbeiten hat, der grossen vaterländischen Aufgabe,„das Erbteil der Väter auf dem Gebicte nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung zu wahren und das Reich zu mehren an Gütern und Gaben des Friedens.“ Es ist ermutigend, dass die Erhaltung des Friedens und die oberste Leitung jener gemeinsamen Ar- peit unserem erhabenen König und Kaiser übergeben ist, der sein Amt nach echt preussischer und echt deutscher Weise ausübt, von thatkräftiger Liebe zum Lande und Volk durchdrungen. Um ihn schaaren wir uns zu treuer Pflichterfüllung, ihm schlagen unsere Herzen zu, ihm bringen wir in diesem neuen Hause heute den ersten Gruss dar, das erste Gelübde unverbrüchlicher Treue. Seine Majestät der Kaiser und König Wilhelm II lebe hoch— hoch— hoch!


