Unsere Anstalt war der von mir beschriebenen ncuen Räume dringend bedürftig; trotzdem will sie in diese nicht ihre Hauptthätigkeit verlegen. Denn das bedeutete einen Bruch mit der Vergangenheit, während das Gym- nasium besondere Ursache hat, zunächst zu bleiben, was es ist: eine Schule der angestrengten geistigen Ar- beit sowie des zusammenhängenden Denkens, eine deutsche Schule, die ihre Zöglinge in erster Linie zum ernsten Ler- nen und zur Pflichterfüllung anhält und zur Schätzung des in der Vergangenheit Erprobten und darum Wertvollen erzieht. Wenn irgend eine Zeit, so verlangt die Gegenwart, welche grosse Prrungenschaften auf materiellem und geistigem Gebiete gegen die feindlichen Mächte der Zerstörung und Rückbildung zu behaupten hat, gebieterisch eine vorwiegend geschichtliche Schulerzichung. Die Jugend muss die Vergangenheit kennen, auf deren Schultern wir stehen, ihre Losung muss das bekannte Dichterwort sein:„Was du crerbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!“ Auch die alten Bilder, die Büsten der deutschen Kaiser des neuen Reichs, Luthers und Melanchthons, welche uns in diesen Saal gefolgt sind, ermahnen eindringlich, auf dem Grunde zu beharren, der gelegt ist: die echte, aus dem Innern quellende Frömmigkeit zu pflegen, wie sie in Martin Luther lebte und wirkte, und den aufopferungsfähigen, thatkräftigen Vaterlandssinn zu wecken, welcher die beiden ersten Kaiser des deutschen. Reiches bis zu ihrem letzten Athemzuge beseelte, und welchen ihr Enkel und Sohn vor den Augen des Volkes täglich bewährt. Und wenn von der Rückwand des Saals neben dem Bilde des gottesfürchtigen Reformators auch das seines jüngeren gelehrten Freundes, des edelen Humanisten Philipp Melanchthon, auf uns herabblickt, des Mannes, der sämtlichen Universitäten und höheren Schulen des evangelischeu Deutschlands seiner Zeit auf Jahrhunderte hinaus den Stempel scines klassisch gebildeten Geistes aufdrückte, des Mannes, der in der Kenntnis der alten Sprachen die Grundlage aller wissenschaftlichen Erkenntnis erblickte, so sind wir sicher: die Kultur Griechenlands und Roms, die wiederholt ihre edlen Gaben auf den Altar des Vaterlandes gelegt hat, wird auch in Zukunft als ein Mittel zur Vorbereitung des jugendlichen Sinnes für die strenge Wahrheit der Wissenschaft in unsrer Anstalt in Ehren bleiben.
Aber so sehr auch die Schule das Verständnis der Geschichte pflegen muss, sie darf doch nicht sich in der Vergangenheit verlicren, auf die Behauptung derselben beschränken und gegen die Gegenwart abschliessen. Die Schule ist nicht diesem neuen fertigen Hause vergleichbar, welches, auf festem Grunde aufgerichtet, voraussicht- lich viele, viele Jahre unverändert dem Wind und Wetter Trotz zu bicten vermag. Nein, der innere Schulbau ist nie ganz abgeschlossen. Der Kreis unserer Ubungen, Aufgaben und Lerngebicte ändert sich nach den Bedürfnissen der Zeit und erweitert sich in Zeiten des Gbergangs zwischen Altem und Neuem. Die Schule hat für das Leben zu erzichen, die Jugend gegen die Gefahren und Schwierigkeiten der Zeit stark zu machen, zur Teilnahme an den geistigen und sittlichen Aufgaben der Zeit zu befähigen. Die Gegenwart aber erwartet von dem Gymnasium mancherlei, was es früher nicht leistete oder nicht in dem Masse zu leisten brauchte, unter anderem: ernstere und allgemeinere n a- turwissenschaftliche Unterweisung der Jugend, planmässigere UÜbung des Gesichtssinnes, ernstere Pflege des Körpers und Sorge für ein richtiges Gleichgewicht zwischen Arbeit und Erholung.
Eine Wissenschaft, welche die gewaltigsten Naturkräfte in den Dienst der Menschheit stellt, welche auf ihren Verkehr, ihre Arbeit, ihre Lebensweise, auf die Gesundheitspflege, Wohlfahrt und Sicherheit des Landes denm- bedeutendsten Einfluss ausübt, welche Meere trennende Länder durchschneidet und Berge durchbohrt, um Länder zu- verbinden, welche weit von einander abgelegene Städte mittels des Fernsprechers bis zur mündlichen Unterhaltung einander nahe rückt, welche dem Arzte die winzigen krankheiterregenden Lebewesen und die Mittel zu ihrer Bekäm- pfung nachweist, welche uns die Bewegungen des Herzens unmittelbar mit eigenen Augen schauen lehrt: eine solche Wissenschaft fordert von dem Gymnasium ernste Berücksichtigung ihrer Elemente und Darbietung klarer Anschau- ungen, wie sie nur in einem besonders dazu hergerichteten Raume möglich ist.
Und auch das Zeichnen, das hie und da noch heute als eine nicht wesentliche Nebenbeschäftigung am Gym- nasium angesehen wird, ist in unseren Tagen besonders unentbehrlich, wo der Jugend, zumal der des Gym- nasiums, in der Überfülle von Bilderbüchern und Katalogen, in der Aufhäufung und Mannigfaltigkeit der Schaufen- ster und Läden, in Panoramen und auf Ferienreisen eine so verwirrende Masse von Beobachtungsstoff sich aufdrängt, dass sie ausserhalb der Schule geradezu zum flüchtigen und ungenauen Sehen verleitet wird, während unsere natur- wissenschaftlich-technische Zeit doch eine besonders genaue Auffassung nötig macht. Hier muss der Zeichen- unterricht eintreten, in welchem die Schüler zu einer gesammelten und vertieften Beobachtungsweise angehalten werden. Ausserlich genau und richtig sehen zu lehren, sodass die Einbildungskraft und ein inneres Sehen ange- regt wird und daraus ein Sehen mit Geschmack, ein künstlerisches Sehen sich entwickele, das ist die Aufgabe des
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