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Dies ist der Anlass der gegen wärtigen Feier. Der heutige Tag bedeutet einen Höhepunkt auf dem Le- benswege der Schule, und es geziemt sich deshalb für sie, einmal anzuhalten, um von der erstiegenen Höhe rü ck- wärts auf die durchwanderte Strecke zu schauen und vorwärts blickend die Ziele schärfer ins Auge zu fassen, welche ihr gesteckt sind und welche sie nun in dem neuen Gewande und in der vollkommeneren Ausrüstung siche- rer zu erreichen hoffen darf.
Wir wenden den Blick in die Vergangenheit und schauen aufwärts zu dem Herrn der Welt, der alles Wollen und Vollbringen gibt, der all' unsere Geschicke lenkt und auch die der Schule geleitet hat. Wir danken Gott, dass er diese Anstalt seit ihrer Gründung im Frühling des Jahres 1799 in ihren verschiedenen Wandlungen als reichsstädtische Oberschule, als primatisches und dann als preussisches Gymnasium geschützt und erhalten hat,- dass er sie nach der Zeit trauriger Zerrissenheit und Schwäche Deutschlands des Vaterlandes stolze und glückliche Tage der politischen Einigung und Machtentwicklung hat erleben lassen; wir danken ihm, der ihre Arbeit auch in den unzureichenden Räumen und unter schwierigen Verhältnissen gesegnet und es nun in Gnaden gefügt hat, dass auch die umfangreichen Erweiterungsbauten ohne jeglichen Unfall zu Ende geführt wurden.
Wir danken der Königlichen Staatsregierung, die, als im Jahre 1815 unsere Stadt mit der preussischen Monarchie vereinigt worden war, sich bald der Schule annahm, ihr den Grund und Boden, auf dem wir ans befinden, den Arnsburger Hof, mit allen zugehörigen Gebäuden zum Eigentum überwies, ihr Lehrer-Kollegium neu bildete und sie an der wichtigen Aufgabe des Staates mit ihrem bescheidenen Vermögen teilnehmen liess, in- nerhalb weiter Kreise der rechtsrheinischen Bevölkeruug durch geistige Kraft zu ersetzen, was im Kriege und unter dem Drucke der Fromdherrschaft an physischen Kräften verloren gegangen war. Wir danken ihr, dass sie an Stelle der ehemaligen düstern, engen Klassen zuerst ein neues Gebäude mit freundlichen und geräumigen Zimmern auffüh- ren liess und zuletzt auch die Mittel zu der Erweiterung gewährte, deren Vollendung wir heute feiern. Wir danken den Königlichen Kommissarien, bei denen die von hier aus gegebenen Anregungen für die baulichen Anderungen freund- liche Aufnahme und thatkräftige Unterstützung gefunden haben; insbesondere bringe ich dem hier anwesenden Herrn Geh. Regierungs- und Provinzialschulrat Dr. Münch, den dieses Gymnasium die Ehre hat zu seinen ehemaligen Schülern zu rechnen, den Dank der Schule sowie meinen persönlichen Dank dar für die Teilnahme, welche er dem hiesigen Gymnasium heute widmet und stets gewidmet hat.
Auch verfcehle ich nicht, der hiesigen Stadt den schuldigen Dank dafür zu wiederholen, dass sic in Anerkennung des Wertes, den diese Bildungsstätte für sie hat, vor einigen Jahren den Ankauf eines Spielplatzes, auf dem jetzt die neue Turnhalle steht, durch Gewährung eines Geldzuschusses wesentlich erleichtert hat.
Nicht zum wenigsten aber gebührt heute unser Dank der Königlichen Bauvorwaltung, insbe- sondere den Männern, welche das mühsame Werk der Vorbereitung auf sich genommen, welche das Einzelne ausge- arbeitet und den Bau geleitet, den Meistern und Werkleuten, welche, jeder an seinem Peile, in angestrengter Arbeit zum Gelingen des Ganzen beigetragen haben.
Was in der Bauzeit von eindreiviertel Jahren geschaffen worden, hat sich nicht in einem Hause oder an einer Stelle vereinigen lassen. Drüben im obersten Stockwerke des Hauptgebäudes ist durch Herrichtung eines besonderen physikalischen Lehrzimmers einer unabweisbaren Forderung Genüge geleistet. Der mit dem Hauptgebäude innerlich verbundene Anbau enthält ausser zwei neuen Klassen und der Bibliothek ecinen Zeichen- saal, den die Anstalt bis jetzt hatte entbehren müssen. Und auf dem wenige Minuten von hier entfernt gelegenen Spielplatze erhebt sich eine neue Turnhalle, die allen billigen Anforderungen entspricht und die Brauchbarkeit des Platzes wesentlich erhöht. An der Stelle des alten Prüfungssaales aber und der ehemaligen Dienstwohnungen, die im Jahre 1893 niedergerissen werden mussten, steht jetzt diese Aula, deren hochragende Giebel weit in den Lahngau schauen. Sie ist an der bergansteigenden Oberthorstrasse, mässig gross, nicht überall symmetrisch, gar nicht im Stil der modernen grossstädtischen Wohnhäuser aufgebaut, mit der schmalen Giebelseite gegen den Korn- markt gerichtet. Indem dieses Haus aber die breite Hauptseite nach dem Lehrgebäude und dem vergrösserten Hofe wendet, der dadurch zu einem traulichen Pummelplatze der Jugend abgeschlossen wird, und indem dasselbe auch den Eingang nicht unmittelbar der Strasse, sondern dem Hofe zukehnrt, kennzeichnet es sich doch als ein cchtes deut- sches Haus, das seiner Bestimmung trefflich zu dienen vermag, in seiner dalle die ganze Schulgemeinde aufzunch- men zu gemeinsamer Erhebung und Erholung sowie zur Ausübung der Gastfreundschaft.


