11
Wir stehen hier nicht an einer der Stätten moderner Riesenentwicklung, von jenen weitgreifenden Massen sind Stadt und Schule unberührt. Und das Heim, das der alten Lchranstalt zur Zeit bereitet ist, bleibt bescheiden. Im Graunde ist doch nur das Notwendige ihr vergönnt worden, zum stattlich in sich geschlossenen Gesamtbau ist es nicht gekommen, und von irgend welchem Prunk der Einrichtung sind wir weit entfernt. Aber dass nun doch alles Nötige erfüllt ist, das giebt uns Befriedigung, und die Befriedigung darf doch wohl auch einen kurzen Tag sich als festliche Freude fühlen lassen.
Das ist allen denen natürlich, die zur Schule selbst— als Lehrende oder Lernende, als Leiter oder Mit- helfer oder Zöglinge— gehören. Aber es ist auch den Bürgern dieser Stadt, Vertretern des Gemeinwesens, Eltern und Schul- und Jugendfreunden natürlich, denn sie alle lieben doch wohl diese ihre— dem Bestande nach nun schon chrwürdige— Lehranstalt, und die Schüler von ehemals blicken sicherlich neidlos auf die Jugend von heute, die es in so manchen Stücken besser haben soll. Und auch der staatlichen Aufsichtsbehörde ist es natürlich und ist es der Mühe wert, die Eröffnung dieser neuen Schulräume zu feiern, nicht bloss weil sie je de ihrer Uberwachung und Fürsorge übergebene Lehranstalt als eine Stätte ernster und wichtiger Aufgaben und Bemühungen in Ehren hält;(wie könnte sie selbst willige Unterordnung erhoffen, wenn sie nicht zur Anerkennung und zu Schutz und Wohlwollen bereit wäre!): sondern auch noch in besonderer Rücksicht auf die hiesige Anstalt.
Vor allem messen wir nicht den Wert eines Ganzen nach der Menge seiner Glieder, nach den Zahlen und Massen seines Umfangs. Wir wissen, dass ein tüchtiger, ein stetiger und einheitlicher Geist weit eher da walten und das Ganze durchdringen kann, wo dieses Ganze nicht zu sehr in die Weite sich dehnt. Wir schätzen die still versteckten Brunnen voll guten Wassers hoch neben und über dem Röhrenwerk grossstädtischer Leitungen. Nicht als ob das hiesige Gymnasium oder die Stadt mit ihrem Gymnasium eine Art von Oase in einer Wüste bildete. Sind doch Bildungsstätten von ähnlicher Art wie solche vom höchsten Grade ringsum nicht fern. Aber in abgetrenntem Bestandtcil unserer rheinischen Provinz gelegen, soll es uns um so weniger je aus dem Auge schwinden. Doch vor allem: über Umfang und Namen, über Ausdehnung und Ausstattung geht uns die Treue der Arbeit, die Hingebung der Lehrkräfte und der gute Wille und Gehorsam der Schüler; und neben alledem hat noch ein Ferneres Bedeutung: nämlich die Wertschätzung, welche die Bürgerschaft des Ortes der Schule angedeihen lässt, das Vertrauen, welches sie ihr und ihrer Leitung beweist, das Interesse, welches sie an den Geschicken und Leistungen der Anstalt nimmt.
lch weiss, wir dürfen dieses Interesses hier versichert sein und auch dieses Vertrauens, dieser Wert- schätzung, obwohl ja in unsern Tagen die Kritik und der Zweifel und die Bereitschaft zum Aburteilen auch grade den höheren Schulen gegenüber fast allerorten schr lebendig ist und man, wie man früher an unseren höheren Schulen vor allem mit Genugthuung beobachtete, was sie leisteten, jetzt vor allem immer zu sehen pflegt, was sie nicht leisten, und obwohl übrigens auch manche grundsätzliche Frage für die Zukunft dieser Schulen wirklich er- hoben werden darf. Was aber den Geist und die Willigkeit der Schüler betrifft, so machen wir, die wir des Lebens und grade auch des Jugend- und des Schullebens kundig geworden sind, gerne manch freiwilligen Abzug von der Fülle der Forderungen und Erwartungen und erklären uns zufrieden, wenn die innere Gesundheit nicht vermisst wird, wenn man nicht sich bloss abrichten lassen, mit einer äusserlichen Reife begnügen will, wenn eigenes Streben wach wird unter der Einwirkung der Lehre und des Vorbildes.
In diesen Stücken steht das Gymnasium heute sicherlich nicht zurück hinter dem Bilde, das frühere Zeiten von ihm aufweisen. Haben wir doch auch in die gegenwärtige Leitung ein nun schon durch eine Reihe von Jahren erwachsenes und begründetes Vertrauen, und wissen wir doch die gemeinsame Arbeit des Lehrkörpers, dessen einzelne Glieder ja weder in gleicher Richtung sich bethätigen können noch mit gleichartigen Kräften und gleichen Ergebnissen, wissen wir sie doch im ganzen zu würdigen.
So würden denn auch der oberste Vorgesetzte der provinzialen Schulaufsichtsbehörde, Se. Excellenz der Herr Oberpräsident Nasse, und der Direktor des Provinzial-Schul-Kollegiums und Präsident des Regierungsbe- Zirks, Herr Dr. Wentzel, mit besonderer Bereitwilligkeit sich heute hieher begeben und persönlich ihre Anteilnahme bezcugt haben, wenn die Lage der Amtsgeschäfte dies ihnen ermöglicht hätte. Aber beide haben mich beauftragt, der Festversammlung, dem Gymnasium, der Stadt ihre Grüsse zu überbringen, und mit den Grüssen ihre Glüskwünsche.
Nicht bloss zur Vollendung der Schulbauten, für deren Leitung und gelungene Ausführung die Schulbe- hörde den damit betrauten, wohlbewährten Herren Baubeamten, dem Herrn Kreisbauinspektor Jaensch und dem


