Jahrgang 
1897
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Vom 29. März ab musste der Oberlehrer Dr. Tietzel vertreten werden, weil er zur Ableistung einer sechswöchigen militäriſchen Dienstleistung abberufen worden war. Zu gleicher Zeit war der Oberlehrer Dr. Heep auf mehrere Tage durch Krankheit verhindert.

Mitglieder des Verwaltungsrats sind ausser dem Direktor die Herren Superintendent Röbenacke und Baurat Scheepers.

Eröffnung der neuen Aula. Nachdem gegen Ende des vorigen Schuljahres an der Stelle der alten Turnhalle*) ein Anbau neben dem Klassengebäude fertig geworden war, konnte mit dem Beginne des laufenden Schuljahres die während des Winters 1895/96 ausserhalb der Anstaltsräume untergebrachte Klasse Sexta in das erweiterte Schulhaus wieder einziehen, und auch die Ober- sekunda erhielt in demselben ein neues Zimmer. Gleichzeitig wurde der neue Zeichensaal in Be- nutzung genommen, und gegen Ende des Sommers auch die Bibliothek nebst dem Lehrerzimmer in den Anbau verlegt. Das alte Abortsgebäude wurde während der Herbstferien durch ein neues ersetzt und im Laufe der folgenden Monate der frühere Bibliotheksaal in ein Lehrzimmer für den physikalischen Unterricht umgewandelt. Als dann im Anfange des Jahres 1897 auch die neu aufgeführte Aula ihre innere Ausstattung erhalten hatte, konnte die Königliche Bauverwaltung am 11. Januar die verschiedenen Um- und Neubauten mit Ausnahme der Direktorwohnung förm- lich an die Anstalt übergeben. Am Tage der Ubergabe fand in der neuen Turnhalle ein Schau- turnen statt, und am 12. Januar wurde auf Anordnung des Königlichen Provinzial Schulkollegiums in der neuen Aula eine Schulfeier vor einer grossen Versammlung von Ehrengästen und Freunden des Gymnasiums abgehalten. Ein Gesang des Schülerchores leitete die Feier um 11 Uhr vor-- mittags ein; danach ergriff der Vertreter des Königlichen Provinzial-Schulkollegiums, Herr Geheimer Regierungsrat Dr. Münch aus Coblenz, das Wort zu folgender Ansprache:

Wir leben in einer Zeit, wo aller wärts die äusseren Masse ins Ungewohnte, Überraschende und Über- wältigende wachsen, wo Zahlen und Grenzen der Dinge von chedem um das Vielfache überholt und überschritten werden. Gewaltig wirbelt der Verkehr Menschen und Dinge durcheinander und sammelt und häuft solche Mengen, wie sie in allen vergangenen Zeiten nicht gcahnt wurden.Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus, das gilt, in der Gegenwart im bildlichen und ceigentlichen Sinne an so vielerlei Stätten, auf so manchen Gebieten. Nur die Kirchen nehmen keine grösseren Masse an, und der teure alte Dom dieser erinnerungsreichen Stadt würde auch dann aus erhabener Höhe auf seine Umgebung herabschauen, wenn dieselbe aus vielen modernen Prachtbauten be- stände, wie sie sich anderswo so anspruchsvoll ancinanderreihen. Und neben jenen mächtigen Bauwerken, die dem Verkehr der Menschen und dem Austausch in allen seinen Formen gewidmet sind, neben Postgebäuden, Bahnhöfen, Gasthäusern, Banken und Börsen, neben den immer stattlicher werdenden Kaufhäusern, den Kaufhallen, den Amts- gebäuden und auch den Palastwohnungen der Könige des materiellen Erfolgs neben alledem sind auch Schul- prachtbauten emporgestiegen, oft zum freudigen Staunen der Unverwöhnten aus älterer Zeit, und hie und da auch zum Arger derjenigen, die nur Luxus zu schen vermögen, wo es ausreichende und gesunde und zeitgemässe Ent- faltung gilt.

Denn es ist nicht bloss dies, dass man aus dem Notbehelf, dem oft harten und kläglichen Notbehelf früherer Zeiten herauswill, es ist nicht bloss, dass die Schülermassen und die Klassenzahl und die Lehrkörper und die Ansätze des Schulhaushalts und was sonst damit zusammenhängt um so viel gegen früher gestiegen sind. Man erstrebt doch auch Einklang der äusseren Porm und der Würde der Aufgabe; vielscitige Ausstattung soll dem vielseitig ausge- stalteten Ziele entsprechen; und die Lehre vom gesunden Geist im gesunden Leibe soll nicht bloss gepredigt, sondern ihr soll durch die Wirklichkeit der Einrichtungen gedient werden.

*) Über eine neue Turnhalle verfügte die Schule seit dem Monat Februar 1896; die förmliche Ubergabe hatte sich jedoch die Bauverwaltung noch vorbehalten.