Jahrgang 
1889
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stehende Bühne auf den Geist der Nation haben würde. Nationalgeist eines Volkes nenne ich die Aehnlichkeit und Uebereinstimmung seiner Meinungen und Neigungen bei Gegenständen, worüber eine andere Nation anders meint und empfindet. Nur der Schaubühne ist es möglich, diese Uebereinstimmung in einem hohen Grade zu bewirken, weil sie das ganze Gebiet des menschlichen Wissens durchwandert, alle Situationen des Lebens erschöpft und in alle Winkel des Herzens hinunter leuchtet, weil sie alle Stände und Classen in sich vereinigt und den gebahntesten Weg zum Verstand und zum Herzen hat. Wenn in allen unsern Stücken ein Hauptzug herrschte, wenn unsere Dichter unter sich einig werden und einen festen Bund zu diesem Endzweck errichten wollten wenn strenge Auswahl ihre Arbeiten leitete, ihr Pinsel nur Volksgegenständen sich weihte mit einem Worte, wenn wir es erlebten, eine Nationalbühne zu haben, so würden wir auch eine Nation«. Wir sind seitdem eine Nation geworden, zuerst litterarisch und dann auch politisch; und dass wir's geworden sind, verdanken wir nicht am wenigsten auch unserem Schiller, wenngleich die Schaubühne selbst noch gar weit entfernt ist von der Lösung der Aufgabe, welche der Dichter ihr stellte. Die schwärmerischen Hoffnungen, die sich für Schiller hier an die Wirkungen der Schaubühne knüpfen, erscheinen denn auch sehr wesentlich herabgestimmt schon im folgenden Jahre auf Grund der Erfahrungen, welche er mit der Bühne zu Mannheim machte. Aus einem Briefe an den Freiherrn von Dalberg vom 19. Januar 1785 ist deutlich zu erkennen,»wie der Dichter sich vom Theater zu emancipieren beginnt und auf- die rein litterarische Wirkung seiner Produktion sich zurückzieht, wenn er erklärt, niemals werde er den Wert seiner Arbeiten von ihrer Geltung auf der Bühne abhängig machen«. ¹)

Immer mehr läutern sich des Dichters Einsichten und Auffassungen von der Kunst. Schon in der besprochenen Abhandlung unterscheidet er von den moralischen Zweckbeziehungen der Bühne die ästhetische, rein künstlerische Wirkung:»Welch ein Triumph für Dich, Natur! so oft zu Boden getretene, so oft wieder auferstehende Natur!« ruft er am Schlusse derselben aus, »wenn Menschen aus allen Kreisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Fessel der Künstelei und der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des Schicksals, durch eine allwebende Sympathie verbrüdert, in ein Geschlecht wieder aufgelöst, ihrer selbst und der Welt vergessen und ihrem himmlischen Ursprung sich nähern. Jeder einzelne geniesst die Entzückungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurückfallen, und seine Brust gibt jetzt nur einer Empfindung Raum es ist diese: ein Mensch zu sein«. Dass der Dichter nicht bloss durch die geistigen, sittlichen Ideeen, deren Darstellung das Wesen der Kunst ausmacht, sondern durch die schöne Darstellung selbst wirken müsse, wird immer mehr seine Ueberzeugung. Aus einem Mittel zum Zwecke wird die Kunst ihm Selbstzweck und 1795 schrieb er im 22ten seiner ästhetischen Briefe:»In einem wahrhaft schönen Kunstwerke soll der Inhalt nichts, die Form aber alles thun; denn durch die Form allein wird auf das Ganze des Menschen, durch den Inhalt hingegen nur auf einzelne Kräfte gewirkt«. Auf die ästhetische Bildung kam es ihm immer mehr an, weil er in ihr die sicherste Führerin erblickte auch zur sittlichen Bildung, zur Schönheit des Characters, zur Uebereinstimmung von Neigung und Pflicht. Hatte er doch diese läuternde, befreiende, den Menschen zu Gott hinführende Kraft der Kunst an sich selber erfahren. War sie ihm doch in Zeiten leidenschaftlichen Sturmes und Dranges, in schwerer, trüber Zeit ein Leitstern des Lebens, eine Führerin geworden zur σωννν, zur Selbstbeherrschung und zu massvoller Lebensführung; verdankte er doch der Liebe zur Kunst das Beste, was er hatte und war. Seine eignen Schicksale

¹) Otto Brahm a. a. O. S. 362. 2*