Jahrgang 
1889
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in die Prima gründlich kennen gelernt haben muss. Ergänzt und vertieft wird das von dem Dichter und seiner Kunst gewonnene Bild auf der obersten Stufe nicht bloss durch die Lektüre seiner übrigen Dramen und Gedichte aus dieser Zeit, sondern auch durch eingehendere Betrachtung seines Lebens und Strebens an der Hand seiner wichtigsten Arbeiten aus der Vorbereitungszeit.

Schiller wollte wie Lessing und Goethe wirken mit seiner Poesie litterarisch und durch die Schaubühne, durch Inhalt und Form. Er wollte wirken namentlich durch seine Dramen und hier »Wahrbeiten, die jedem, der es gut mit seiner Gattung meint, die heiligsten sein müssen und die bis jetzat nur das Eigentum der Wissenschaften waren, in das Gebiet der schönen Künste herüberziehen, mit Licht und Wärme beseelen und als lebendig wirkende Motive in das Menschenherz gepflanzt in einem kraftvollen Kampfe mit der Leidenschaft zeigen. ¹) Die dramatische Kunst ist ihm eine Schwester der Moral und Religion. Als solche wird sie schon 1782 in dem kleinen Aufsatze »über das gegenwärtige deutsche Theater« bezeichnet. ²) Einen besonders schwungvollen Ausdruck hatten diese Gedanken in der Rede erhalten, die er am 26. Juni 1784 in der deutschen Gesellschaft zu Mannheim vortrug und unter dem Titel»die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet« im Drucke erscheinen liess. ³) Mit zündender Beredsamkeit sucht er hier zu zeigen, welche wichtige Erziehungsanstalt die Schaubühne für alle Schichten des Volkes werden, welche vielseitige reinigende Wirkung dem Drama und zwar der Tragödie(Mitleid und Furcht) wie der Komödie(Scherz und Satire) durch sie verliehen werden könnte. Er weist ihre hohe Bedeutung nach für die Bildung des einzelnen, insbesondere auch »der Grossen der Erde«, wie der ganzen Nation, von Kopf und Herz, indem sie ergänzend und ausgleichend zur Seite trete dem Gesetze und der Pflege des Rechts wie der Moral und Religion und mächtig aufs Ganze zu wirken vermöge auf ideellem und materiellem Lebensgebiete, durch Förderung des Geistes der Liebe und Duldung in religiöser, gesunder Grundsätze in pädagogischer Beziehung, durch Läuterung politischer Gesinnungen und durch Anregungen sogar auf industriellem Gebiete,»wenn die Dichter es der Mühe wert hielten, Patrioten zu sein, und der Staat sich herablassen wollte, sie zu hören.«»Unmöglich«, ruft er aus,»kann ich hier den grossen Einfluss übergehen, den eine gute

) Briefe über Don Carlos. Zehnter Brief.

²)»Die Enttäuschung eines sittlichen Idealisten redet aus dieser Abhandlung«, sagt O. Brahm a. a. O. S. 328,»der vor der ersten Berührung mit der Bühne so fassungslos wie vor der ersten Berührung mit dem Leben zurückfuhr.« Der Dichter klagt darüber, dass das Schauspiel seinen Zweck, die Sitten zu bessern, die Menschen zu veredeln, so wenig erreiche. Schuld daran ist vor allem das Publikum selbst, das nicht kommt, um sich geistig und sittlich zu bilden, sondern um sinnlichen Interessen zu fröhnen. Aber auch die Künstler, die Dichter nicht minder wie die Schauspieler, haben sich einen grossen Teil der Schuld zuzuschreiben. Doch sollen alle diese Mängel keinen Augenblick dieser verdienstvollen Anstalt seine Aufmerksamkeit entziehen. Er schliesst die Abhandlung mit den schönen Worten:»Das Theater tröste sich mit seinen würdigeren Schwestern, der Moral und furchtsam wage ich die Vergleichung der Religion, die, ob sie schon im heiligen Kleide kommen, über die Befleckung des blöden und schmutzigen Haufens nicht erhaben sind. Verdienst genug, wenn hie und da ein Freund der Wahrheit und gesunden Natur hier seine Welt wiederfindet, sein eigen Schicksal in fremdem Schicksal verträumt, seinen Mut an Scenen des Leidens erhärtet und seine Empfindung an Situationen des Unglücks übet. Ein edles unverfälschtes Gemüt fängt neue belebende Wärme vor dem Schauplatz beim roheren Haufen summt doch zum mindesten eine verlassene Saite der Menschheit verloren noch nach.«

3) Den Schülern mag gleichzeitig empfohlen werden Herders Abhandlung»über die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker«(Hempel, Band 17.)