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Gottes Willen, die Verzweiflung des Unglaubens, den Verfall und die Niederlage der auf sich selbst sich stellenden Menschenkraft, welche die heiligsten Rechte der Völker mit Füssen tritt und für recht hält,»was nützt«, den Sieg des Idealismus über den Materialismus, der göttlichen Kräfte des Herzens über die sinnlichen Triebe, der erhaltenden Mächte des Lebens über diejenigen, die es zerstören: das alles, dargestellt in einer Stufenfolge meisterhaft gezeichneter Charaktere von Johanna herab bis zu einer Isabeau, von Karl bis zu Talbot und in hinreissendem Zauber der Sprache, vergegenwärtigt uns der Dichter in dem Gegenstücke zur»Maria Stuart«, in seiner»Jungfrau von Orleans«, dieser glänzenden Verherrlichung der Religion, der Liebe zum Vaterlande und zum angestammten Könige, einer idealen, aufs Höchste und Beste gerichteten, die Selbstsucht ausschliessenden Lebens- und Weltauffassung, die bedeutungsvoll mit der an die Apotheose des Herakles in»Ideal und Leben« erinnernden Verklärung Johannas schliesst:
Hinauf! hinauf! Die Erde flieht zurück:
Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!
»Einen leidenschaftlichen Schmerzensschrei nach Erlösung von alledem, was die Menschheit von der Erreichung des höchsten Sittlichkeitsideales zurückhält«, hat man Schillers Jugenddramen treffend genannt. 1) Der Zug nach Erlösung, Befreiung ist allem eigen, was er gedichtet; er bildet den idealen Grundzug seines eignen Wesens. Nach Befreiung von Schranken der äusseren und inneren Welt ringt Maria Stuart und Johanna; nach ihr ringt Don Carlos und Marquis Posa; nach Erlösung und Befreiung ringt auch Tell und das Schweizervolk in dem Drama, das wie die»Jungfrau von Orleans« eine prophetische Mahnung wurde für die Befreiung und Erhebung des deutschen Volkes. Wenn der Schüler auf dieser Stufe auch noch die beiden ersten Teile der Wallensteintrilogie kennen lernt und sieht, wie dieser gewaltige Kampf zwischen Pflicht und Neigung, Vernunft und Sinnlichkeit, Idealismus und Materialismus, wie er in diesem Drama mit erschütternder Tragik zutage tritt, sich hier ankündigt, dann wird er vorbereitet sein zu einem tieferen Verständnisse des Wesens Schillers und seiner Kunst; er wird gerne nachgehen auch den Spuren der Entwicklung des Dichters zu solcher Höhe der Weltanschauung und Kunstleistung; es wird endlich— und das ist die Hauptsache— auch ihm die Kunst allmählich werden, was sie sein soll, und ihm halten, was sie verspricht, was der Dichter aauf der Höhe seines Wirkens als ihr eigentliches Ziel bezeichnete, wenn er schrieb:»es ist ihr Ernst damit, den Menschen nicht bloss in einen augenblicklichen Traum von Freiheit zu versetzen, sondern ihn wirklich und in der That frei zu machen, und dieses dadurch, dass sie eine Kraft in ihm erweckt, übt und ausbildet, die sinnliche Welt, die sonst nur als ein roher Stoff auf uns lastet, als eine blinde Macht auf uns drückt, in eine objektive Ferne zu rücken, in ein freies Werk unseres Geistes zu verwandeln und das Materielle durch Ideeen zu beherrschenc«. ²)
III. Die kurz besprochenen Dichtungen zeigten uns den Dichter auf der Höhe seines Wirkens, in der Zeit des durch ihn im innigsten Freundschaftsbunde mit Goethe herbeigeführten Höhepunktes unsrer Litteratur überhaupt, in den Jahren 1795— 1805, soweit sie der Schüler vor seinem Eintritte
¹) Holene Lange, Schillers philosophische Gedichte. Sechs Vorträge. Berlin 1887, S. 11. 2) Aus der Abhandlung»über den Chor in der Tragödie« vor der»Braut von Messinac.


