Nun glühte seine Wange rot und röter Von jener Jugend, die uns nie entfliegt, Von jenem Mut, der, früher oder später, Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt, Von jenem Glauben, der sich stets erhöhter Bald kühn hervordrängt, bald geduldig schmiegt, Damit das Gute wirke, wachse, fromme, Damit der Tag dem Edlen endlich komme.
Auf das gesamte Meuschenleben richtet der Dichter den Blick in der»Glocke«. Ergänzend treten diesem Gedichte zur Seite»das eleusische Fest«(1798) und»der Spaziergang«(1795), beide anknüpfend an die historische Entwicklung der Menschheit, beide Pfade zeigend zur Unendlichkeit: jenes, ein Idyll, den Segen der mit der Natur nicht entzweiten Kultur verherrlichend, dieses, eine Elegie, den Pluch der entarteten, die Gefahren der von der schlichten Einfalt und Harmonie der Natur sich entfernenden Kultur beklagend und Rückkehr fordernd— nicht etwa zur rohen Unkaltur, zur Gesetzlosigkeit, wie sie im»Eleusischen Fest« vorausgesetzt wird, sondern zur rechten Kultur und sittlichen Freiheit, wie sie dasselbe Gedicht feiert.
Die Kultur in ihren wesentlichen Erscheinungsformen, in ihrer stufenweisen Entwicklung, insbesondere aber die Kunst und mit ihr in engstem Bunde die Natur, eine Führerin aus dem »engen, dumpfen Leben« zur Unendlichkeit: das ist das Thema der beiden verwandten Gedichte. Sie umfassen mit dem Liede von der Glocke und den Romanzen als unvergängliche Denkmäler der Kunst zur Verherrlichung der sittlichen Weltordnung»eine Welt von Gedanken, die dem Leben einen festen Halt zu verleihen, das Herz von dem Selbstischen zu entwöhnen, von dem Unlauteren zu reinigen, mit dem Hohen zu befreunden, mit dem Edlen zu erfüllen geeignet sind«. ¹)
Wer könnte die unvergleichlich hohe erziehliche Bedeutung aller dieser ²) Gedichte verkennen? Sie sollten geistiges Eigentum des Schülers geworden sein, ehe er in die Prima eintritt. 3) Gleichzeitig lernt er noch vor diesem Zeitpunkte den»höheren Flug« der Kunst kennen, welchen der Dichter in seinen Dramen genommen.
Die im Kampfe der Parteien und Confessionen durch fanatischen Eifer verzerrte oder zu einem blossen Mittel für politische Zwecke herabgewürdigte Religion lernt er in ihrer versöhnenden, befreienden, die Welt überwindenden Macht verehren, als den sichersten Pfad schätzen, der aus der Sinne Schranken aufwärts zur Unendlichkeit führt, in Maria Stnart, dieser»Tragödie des Herzens, die zugleich eine religiöse und historische Tragödie ist«. ¹)
Den gewaltigen Kampf zwischen Vernunft und Sinnlichkeit und den Sieg des unüberwindlichen Pflichtgefühls, die Erhebung über die Schranken der Sinnlichkeit durch die hingebende Liebe zum Vaterlande und glühende Begeisterung für das nationale Königtum sowie die demütige Ergebung in
1) Hiecke a. a. O. S. 310.
2) Auch die Gedichte»die vier Weltalter« und»am Antritt des neuen Jahrhunderts« gehören 2z. T. hierher, bleiben aber wohl besser der Besprecuung in der Prima vorbehalten.
3) Vgl. Richter in Frick und Polack»Epische und lyrische Dichtungen u. s. w. 2te Abt. S. 865: »Die Balladen.... müssen auf allen Stufen der höheren Schulen gelesen, erklärt, eingeprägt und in Aufsätzen verwertet werden, so dass sie als ein fester Besitz dem Schüler verbleibens.
4) Hiecke»Ueber Schillers Maria Stuart« a. a. O. S. 226 ff.


