Jahrgang 
1889
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verstummen, wenn sie gleich insgeheim ihm entgegen wirken: welches ist der deiner würdige Ursprung und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz ausschlägt und von welcher Wurzel abzustammen die unnachlässliche Bedingung desjenigen Wertes ist, den sich Menschen allein selbst geben können?« Muss hier nicht schon dem jungen Gemüte eine Ahnung aufgehen von der»Achtung erweckenden Idee der Persönlichkeit, weleche uns die Erhabenheit unsrer Natur(ihrer Bestimmung nach) vor Augen stellt« und»selbst der gemeinsten Menschenvernunft natürlich und leicht bemerklich ist, eine Ahnung von dem,»was den Menschen über sich selbst(als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann«?¹) Muss dadurch nicht der religiöse Sinn geweckt und belebt, das Bewusstsein von dem Zusammenhange unsres Daseins mit der ewigen Ordnung der Dinge befestigt werden? In der That,»auch aus der Sinne Schranken führen Pfade aufwärts zur Unendlichkeit«!

Welch erhebenden Ausblick in die Unendlichkeit, in eine ewige, keinem Wandel unterworfene Weltordnung eröffnet das Gedicht, das wie kein anderes Schiller zum Lieblingsdichter unsrer Jugend and des deutschen Volkes gemacht hat,»das Lied von der Glocke«, diese ewig schöne Kunstschöpfung, die»als ein Ganzes im Kleinen enthält, was der Dichter einzeln und im grossen in seiner eignen inneren Fortbildung, seiner Ansicht von der Poesie und seinen bedeutenderen poetischen und philosophischen Erzeugnissen energisch verfolgt hat«! ²) Unser ganzes irdisches Leben von der Wiege dis zur Bahre, im Glück wie im Unglück, in der Familie wie in der bürgerlichen Gesellschaft, in der staatlichen und religiösen Gemeinschaft, in allen diesen Entwicklungsstufen geläutert und über das Irdische emporgetragen zur Gemeinschaft mit Gott durch das sie verknüpfende Band der Liebe,) erhält seine Weihe durch jene in dem Kunstwerke der Glocke sich kundgebende Stimme von oben, die uns an eine höhere Ordnung der Dinge knüpft, uns befreit von der Sinne Schranken, indem sie uns an die Vergänglichkeit alles Irdischen und unsren Beruf für die Ewigkeit mahnt. Die Glocke wie der Dom selbst, von dem sie erklingt, wird uns zu einem symbolischen Zeichen für die Erhebung des Gemütes von der Erde zum Himmel, von dem Irdischen zum Göttlichen, von der Finsternis zum Lichte, von sinnlicher Gebundenheit zur sittlichen Freiheit. Das alles verkündet hier in einer Reihe glänzender Bilder des Dichters geweihter Mund.»Wir aber, die sein Adlerflügel übers niedere Erdenleben emporträgt, wir erkennen vor allem in seiner eigenen Dichtung eine solche Stimme von oben, eine himmlische Ruferin und Mahnerin, eine Verkünderin des Unwandelbaren und Ewigen, eine Führerin zum Ideale«.¹) Wir lernen immer höher schätzen die Kunst und den Dichter, von dem Goethe im»Epilog zur Glocke« die schönen Worte sang:

¹) Kant, Kritik der praktischen Vernunft. Ausg. von Hartenstein S. 87 ff.

²) Wiedasch,»Das Lied von der Glocke als ein Denkmal von Schillers edler Geistesrichtung« 1859 Berlin Mayer und Müller. Ich führe diese Stelle ausdräcklich an, um auf den Grundgedanken der trefflichen Würdigung des Gedichtes in diesem kleinen Schriftchen aufmerksam zu machen. In der That lassen sich aus der Glocke« die Grundzüge der religiös-sittlichen und ästhetischen Anschauung Schillers sowie der ideale Charakter seines eigenen Wesens und Strebens vortrefflich entwickeln. Diese Aufgabe bleibt der Prima vorbehalten.

3) Vgl. aus den»philosophischen Briefen«:»Also Liebe, mein Raphael, ist die Leiter, worauf wir emporklimmen zur Gottähnlichkeit«.

4) Philippi, Schillers lyrische Gedankendichtung in ihrem ideellen Zusammenhange beleuchtet. Ad.

Votsch, Augsburg 1888, S. 113.