Jahrgang 
1889
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Und welcher Blick in die Tiefen edlen Gemütslebens eröffnet sich überall hier dem Schüler! Müssen sie sein Herz nicht gewinnen, diese ritterlichen Gestalten des»Tauchers« und des todesmutigen Jünglings in der»Bürgschaft«? Wer hätte die Macht der zu idealer Geistigkeit verklärten Liebe,»das, was ein Deutscher lieben nennt, mit Ehrfurcht und mit Sehnsucht«, ¹) die Macht der mit anderen Kräften des Gemüts,²) mit Heldenkühnheit und Heldenstolz, mit Ehrgeiz und mit dem Gefühle echter Mannes- und Ritterwürde, mit Treue bis zum Tode gepaarten Liebe herrlicher zu feiern verstanden als Schiller im»Taucher«,»Ritter Toggenburg«, im»Handschuh«, in»Hero und Leander«? Wie lässt uns der Dichter für wahre Freundschaft erglühen, die alle Hindernisse von seiten der Natur, andrer Menschen und der eiguen Schwäche in physischer und moralischer Hinsicht mit fast übermenschlicher Kraft überwindend, auch das Leben lieber opfert als dem Freunde die Treue bricht, wenn er in der»Bürgschaft« den kühnen Jüngling verherrlicht, welchem die Sorge für das Gemeinwohl nicht minder am Herzen liegt als diejenige für die Familie, die Schwester, und für den Freund. Auch den Wert der einzelnen Persönlichkeit und die grossen Wirkungen, die von ihr ausgehen können im Guten wie im Bösen, lässt der Dichter hier erkennen, wenn er zeigt, wie solche Bewährung edler Gesinnung die Welt überwindet und auch das verstockteste, ungläubige Tyrannenherz für den Glauben an die göttlichen, die sittlichen Mächte des Lebens gewinnt. Der Hinweis³) aut die in diesem Gedichte sich spiegelnden persönlichen Schicksale, Grundsätze und Siege des Dichters selbst wird dasselbe auf höherer Stufe dem Schüler noch besonders wertvoll machen.

Pär die Pflicht des Gehorsams auch bei scheinbar besserer Ueberzeugung, der männlichen Ueberwindung der Leidenschaft und des selbstsüchtigen Eigenwillens, für den Geist der Zucht,»der Ordnung heilig Band« denn»das Gesetz nur kann uns Freiheit bringen«(Goethe) wird das Herz geneigter gemacht, tiefer prägt sich ihm ein die Warnung vor dem Geiste,»der die Welt zerstört«, wenn es den Ritter bewundert, welcher den Drachen erschlug, aber noch als grösserer Held sich beweist im Kampfe mit dem»schlimmeren Wurm, den sein Herz gebar«. Welches Jünglings Herz könnte sich verschliessen dieser Huldigung vor der sittlichen Grösse christlichen Heldentums, welche der sittlichen Tiefe des Christentums überhaupt gilt, der Hligion des Kreuzes, die allein»in einem Kranze der Demut und Kratft doppelte Palme zugleich verknüpft«!

Welche Heldenkraft, welche Kraft der Selbstüberwindung offenbaren alle diese Gestalten! Und worin liegen die Wurzeln solcher Grösse? Nicht in schwächlicher Neigung, welche dem Ansturme so vieler feindlichen Mächte schwerlich würde getrotzt haben, sondern im Bewusstsein der Pflicht. Wessen Herz beugte sich hier nicht vor der Grösse männlichen Pflichtgefühls, wer möchte da nicht bewundernd mit Kant fragen:»Pflicht, du erhabener, grosser Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nicht drohest, was natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern bloss ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüte Eingang findet und doch sich selbst wider Willen Verehrung(wenngleich nicht immer Befolgung) erwirbt, vor dem alle Neigungen

) Kleist, Hermannsschlacht II, 8.

2) Vgl. Hiecke a. a, O. S. 304.

3) Vgl. Otto Brahm, Schiller. Berlin 1888 Bd. 1 S. 344:»alle Sorgen der Freundschaft, welche der Dichter, in ideale Ferne gerückt, später in der»Bürgschaft« geschildert, erlebte er jetzt in sich selber.« Die Beziehungen lassen sich in der oben angedeuteten Richtung viel weiter verfolgen.