Jahrgang 
1889
Einzelbild herunterladen

II.

Wir thuen recht daran, wenn wir unsre Schüler zu einer besonders eingehenden Beschäftigung mit Schiller anregen und ihnen in möglichst weitem Umfange das Verständnis des Dichters erschliessen; er muss der Lieblingsschriftsteller unsrer höheren Schulen sein und bleiben.¹1) An seinem männlichen, hohen Geiste mag der Geist unsrer Jugend erstarken und sich erheben lernen über»das Gemeine«, das Alltägliche, das weit hinter ihm lag»in wesenlosem Scheine«; seine Begeisterung für die Ideale der Menschheit möge in ihr immer von neuem entzünden das Gefühl für wahre Menschenwürde und den Adel der sittlichen Freiheit, den Glauben erwecken an ihre hohe Bestimmung und den eigenen Beruf jedes einzelnen, Mitarbeiter zu sein an dem grossen»Bau der Ewigkeiten«. Nicht jeder kann Baumeister sein; aber Sandkorn zum Sandkorn reichen kann jeder in seinem Wirkungskreise, so beschränkt er auch sein mag.²) An Schillers erhabener, mannhafter Sprache mag sich des Schülers Sinn für schöne Form und den bezaubernden Klang der Muttersprache, für Klarheit und Würde, Schwung und Fülle des Ausdrucks bilden.

Er muss ihn durch die Schule begleiten, dann wird er ihm ein vertrauter Freund auch im Leben bleiben. Schon in den unteren Klassen lernt er ihn kennen, in den mittleren erfüllen ihn mit Begeisterung für hohe sittliche Ideale vor allem seine Romanzen, in denen sich die religiös-sittliche Weltanschauung des Dichters kund gibt, die»in ihrer wunderbaren Vielseitigkeit der Form, ihren bald stolz und breit daher rollenden, bald weich und bescheiden sich der Erzählung anschmiegenden Rhythmen, in der wunderbaren Macht prachtvollster Naturschilderungen rasch Lieblingsgedichte der Nation geworden sind«. ³) In der Dichtkunst Schleier gehüllt, geht ihm die Wahrheit lieblicher ein, befestigt er in seinem Herzen den Glauben an Gott und das Walten der göttlichen Gerechtigkeit schon hier auf Erden, die Ueberzeugung von der Unbeständigkeit irdischen Glückes, von dem Fluche der Ueberhebung und masslosen Vertrauens auf eigne Kraft und äussere Macht bei Verachtung der Gottheit, wenn er vom»Ring des Polykrates« hört; er wird erschüttert von der Macht des bösen Gewissens, welches den verstocktesten Bösewicht schreckt und entlarvt, und lernt zugleich etwas von den heilsamen Wirkungen der Kunst, von der Macht des Gesanges und der»Schaubühne« kennen, nimmt das Gefühl von der Heiligkeit des Dichterberufes in sich auf, wenn ihn»die Kraniche des Ibykus« fesseln. Den Wert der Frömmigkeit und demütigen Bescheidenheit lernt er höher schätzen, wenn er mit Befriedigung des Schicksals Fügung begrüsst im»Gang nach dem Eisenhammer« und dem»Grafen von Habsburg,« lernt das göttliche Walten tiefer verehren, wenn der Dichter ihn hier wie in den vorher erwähnten Gedichten fühlen lässt,»dass es nicht zufällig eingreift, sondern nach innerster Notwendigkeit der Hergänge in der menschlichen Seele seine Gerichte vollzieht«, 3) dass sein vielfach missdeutetes Wort:»die Weltgeschichte ist das Weltgericht« seine Gültigkeit behält auch für das Leben des einzelnen Menschen.

¹) Vgl. Frick und Polack, Epische und lyrische Dichtungen erläutert für die Oberklassen der höheren Schulen. 2. Abt. lyrische Dichtungen S. 829:»Seit wir von dem verkehrten Cultus des Genius zurückgekommen sind, betrachten wir nicht mehr Goethe, sondern Schiller als den vorzüglichsten Dichter der Jugend und der Schule. Die deutsche Jugendrechtschillerfest zu machen und namentlich den abgehenden Schülern einen Schatz Schillerscher Ideeen als sicheren Besitz mit in das Leben zu geben, muss ein Hauptziel des deutschen Unterrichts se in«.

) Vgl.»Die Ideale« von Schiller.

3) Hiecke in seiner trefflichen Rede, gehalten bei der Gymnasialfeier von Schillers hundertjährigem Geburtstage in Greifswald am 10. Nov. 1859; wieder abgedruckt in»Gesammelte Aufsätze zur deutschen Litteratur, herausgegeben von Wendt« 2te Aufl. Berlin, Grote 1885 S. 306 und 309.