Jahrgang 
1889
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Anker gefunden hat, mit sich fortreisst«, sagt F. A. Lange in seiner Geschichte des Materialismus. In der That birgt die materialistische Betrachtungsweise der Dinge, so förderlich sie für die Entwicklung der Naturwissenschaften gewesen ist und noch ist, in ihrer Anwendung auf das psychologische, religiöse und ethische Gebiet eine grosse Gefahr in sich, vor der unsere Jugend bewahrt werden muss. Aber auch da, wo er von materialistischen Strömungen der angedeuteten Art nicht berührt ist, ist der Geist der Zeit ein vorwiegend realistischer, aufs Praktische gerichteter. Nun haben wir zwar allen Grund, uns des Umschwunges zu freuen, der seit Klopstocks, Lessings und Schillers Tagen in der Hinsicht eingetreten ist, dass dem Mangel an Gemeingefühl und politischer Bildung, welcher die Kehrseite der einseitig ästhetischen, idealen, der Wirklichkeit entfremdeten ¹) Richtung jener»vaterlandslosen« Zeit bildet, die Freude und lebendige Teilnahme an den praktischen Fragen der Gegenwart auf socialem und politischem Gebiete gefolgt ist; aber dass das bei einem einseitig auf das Praktische gerichteten Streben leicht sich erzeugende egoistische Interesse nicht die Rücksicht auf Förderung des Gemeinwohles überwuchere, dass der Realismus unsrer Tage nicht zum Materialismus, der heute nicht selten gehörte Grundsatz:»Unsere Religion ist die Politik« nicht allgemein werde, ist zu verhüten.

Der Schule insbesondere erwächst angesichts dieser die Gegenwart beherrschenden Anschauungen in gesteigertem Masse die Aufgabe wirksame Kräfte in Bewegung zu setzen zur Pflege des Ideals. Ein gesunder Realismus schliesst den Idealismus nicht aus, sondern bedart seiner zu seiner Ergänzung und Erhaltung, so gewiss als der fest im Erdboden wurzelnde Baum der reinen Luft und des Sonnenlichtes nicht entraten kann, wenn er seine Blütenpracht entfalten und gute Früchte zeitigen soll. In den Dienst dieser Aufgabe tritt die Schule mit allen ihren ÜUnterrichtszweigen. Neben einer vom kirchlichen Parteiinteresse sich frei haltenden Pflege der Religion aber wird ganz besonders diejenige der nationalen, ideal gerichteten Litteratur den Sinn auf Höheres zu lenken, den Kopf frei und das Herz weit zu machen, eine Verödung der Gemüter zu verhüten imstande sein. Wir haben eine solche Litteratur und für die Schule kommt hier vor allem Schiller inbetracht, von dem Goethe das schöne Wort gesagt hat:»Schiller war immer im absoluten Besitz seiner grossen Natur. Nichts geniert ihn, nichts engt ihn ein, nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab; was in ihm von grossen Ansichten lebt, geht immer frei heraus ohne Rücksichten und Bedenken. Das war ein rechter Mensch, so sollte man auch sein! Schiller war eben eine Christustendenz eingeboren; er berührte nichts Gemeines, ohne es zu veredeln«. In richtiger Würdigung der lebendigen Verbindung seines innersten Lebens mit dem Geiste des Christentums hat man denn auch seinen Beruf erkannt,»namentlich unsrer Jugend ein trefflicher ανν XOxοτiν zu werden«.²) Einen kleinen Beitrag zur Behandlung des Dichters in der Schule wollen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu machen, auch diese Blätter liefern.

¹) Vgl. Schillers schmerzvolle Klage in dem Gedichte»am Antritt des neuen Jahrhunderts«: In des Herzens heilig stille Räume Musst du fliehen aus des Lebens Drang; Freiheit ist nur in dem Reich der Träume, Und das Schöne blüht nur im Gesang.

2) G. Baur in Schmids Encyclopädie. Band VII, S. 604. Vgl. Kleinert, Schillers religiöse Bedeutung, Berlin 1867 u. Wiedasch, Schillers Lied von der Gloche S. 15 ff.