Jahrgang 
1889
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verwandelt«.»Beklagenswerter Mensch«, ruft der Dichter verächtlich aus,»der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet als der Taglöhner mit dem Schlechtesten! der im Reiche der vollkommensten Freiheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt«! u. s. w.

Wie verlockend zeichnet er seinen Schülern im Gegensatze zu diesen abschreckenden Bildern das Ideal, welches sie bei der Vorbereitung zu ihrem Berufe und in dessen Ausübung leiten soll, den philosophischen Kopf«, welcher»die Wahrheit immer mehr geliebt als sein Systemc, durch immer neue und immer schönere Gedankenformen zu höherer Vortrefflichkeit fortschreitet, »wenn der Brodgelehrte in ewigem Geistesstillstand das unfruchtbare Einerlei seiner Schulbegriffe hütet«, welcher in seinem Gegenstande, in seinem Fleisse selbst Reiz und Belohnung findet.»Wie viel begeisterter«, ruft Schiller aus,»kann er sein Werk augreifen, wie viel lebendiger wird sein Eifer, wie viel ausdauernder sein Mut und seine Thätigkeit sein, da bei ihm die Arbeit sich durch die Arbeit verjünget. Das Kleine selbst gewinnt Grösse unter seiner schöpferischen Hand, da er dabei immer das Grosse im Auge hat, dem es dienet, wenn der Brodgelehrte in dem Grossen selbst nur das Kleine sieht« ¹) u. s. f.

So hat Schiller als Lehrer der Jugend zu dieser gesprochen, so hohe Ziele ihr gesteckt, so bohe Anforderungen an sie gestellt, auf so ideale Zwecke ihr Streben zu richten sich bemüht. Glücklich die Jugend, der solchen Worten zu lauschen vergönnt war, glücklich die Jugend, die auch heute noch sich zu begeistern vermag für solche Lehren, glücklich das Volk, in dessen Mitte eine solche Jugend heranwächst,»das Volk der Dichter und Denker«! Es kann getrost in die Zukunft plicken.

Nicht ohne besonderen Grund habe ich an dieser Stelle in einer Programmabhandlung, die nicht bloss in die Hände der Fachgenossen zu gelangen bestimmt ist, ausführlicher erinnern zu dürfen geglaubt an die ernste Mahnung des Dichters an unsre Jugend, wie sie in seiner akademischen Antrittsrede niedergelegt ist. Es ist nötig, dass unsre studierende und zum Studium sich vorbereitende Jugend recht gründlich vertraut gemacht wird mit dem Inhalte ihrer Gedanken. Steht sie doch mitten in der modernen Cultur, welche man»wissenschaftlich in der Methode, rationalistisch im Geiste, utilitarisch im Endziele« genannt hat, haben doch weite Kreise, aus denen unsre studierenden Jünglinge nicht zum kleinsten Teile hervorgehen, sich das Wort zum Wahlspruche erkoren, das Schiller einem Terzky in den Mund legt:»Nur vom Nutzen wird die Welt regiert«. ²) Die Klage, dass die Wertschätzung der Poesie wie überhaupt der idealen Güter des Lebens immer mehr schwinde in breiten Schichten des Volkes, dass die von Schiller in dem oben angeführten Gedankengange gegeisselte rein handwerksmässige Gesinnung, die in erster Linie auf das, was nützt. was man z. B. im Examen braucht, und weiter lediglich auf Erwerb und Genuss gerichtet ist, auch in unsrer Jugend keine seltene Erscheinung sei und der praktische Materialismus immer weitere Kreise ziehe, ist bei den Vertretern der verschiedensten Denkweisen zu finden.»Es geht ein Zug zum Materialismus durch unsere moderne Cultur, welcher jeden, der nicht irgendwo einen festeren

1) Vgl. das Epigramm»Wissenschaft«: Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem andern Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt. Vgl. auch das Gedicht»Archimedes und der Schüler«. 2) Wall. Tod I, 6. 1*