Jahrgang 
1886
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Reden gehören. In freierem Ergusse, ohne sich in die Schnürstiefeln seiner Partitionen einzupressen, handelt er hier sein Thema ab. Aber es sind eben besondere Themen, die mit der eigentlichen Predigt wenig zu thun haben, und wir haben hier also das Portal, welches an sich zwar schön ist, aber geistig nicht einführt. In den meisten Fällen könnte von der Einleitung aus ebensogut auf irgend ein anderes Thema übergegangen werden, als auf welches wirklich übergegangen wird. Was nun den eigentlichen Kern der Predigt angeht, so haben wir zunächst davon zu sprechen, wie sich Berthold zu seinem Texte verhält. Von einer Ableitung des Themas aus dem Texte ist im Grunde nirgends die Rede. Ja man kann nicht einmal sagen, dass der Text Berthold nimmt meist einen ganz kurzen als Motto zur Predigt dastünde. Es ist ein beliebig gewählter Ausgangspunkt für die Rede. Daher finden sich Predigten ganz ohne Text. Berthold geht eben gerade so gern von etwas anderem aus als von dem biblischen Texte. Daher haben weiter so viele Predigten denselben Text. Es ist gewiss nicht daran zu denken, dass diese Predigten immer an den Tagen gehalten worden sind, für welche die Kirche diese Texte vorgeschrieben hatte. Er hatte ein bestimmtes ziemlich eng begrenztes Repertoire von Texten, aus dem er beliebig herausgriff, weil er von dem einen ebensogut wie von dem andern zu dem Gegenstande seiner Rede gelangen konnte. Unter den 36 Predigten der Pfeifferschen Sammlung haben vier den Text: stipendium peccati mors est(Rom. VI. 23), und er spricht im Anschluss an denselben einmal von sehs mordaeren, dann von der bihle, dann von füunf schedelichen sunden, endlich von zuelf juncherren des liubvels. Wieder 4 haben den Text: anima nostra sicut passer erepta est de laqueo venantium(Psl. 124, 7), und er handelt in der ersten von drin lägen, in der zweiten von den vier stricken, in der dritten davon, wie man die werlt in Zwelfiu leill, in der vierten wieder von vier strichen. Die Texte dienen Berthold einmal als ziemlich gleichgültige Ausgangspunkte, dann aber auch dazu, aus ihnen womöglich eine Zahl zu gewinnen für die Partition. Auf diese kommt es ihm namentlich an, nicht so auf Ableitung eines Themas. Die eben angeführten Beispiele zeigen deutlich genug, wie Bertholds Themen eigentlich gar keine Themen sind, sondern nur äusserliche Zusammenfassungen der Teile. Von einem einheitlichen Hauptgedanken, in dem die Teile schon vorgebildet sind und aus dem sie auf dem Wege dialektischer Zergliederung gewonnen werden, davon finden sich nur wenige Spuren. Und man kann auch nicht sagen, dass der Hauptgedanke vielleicht nur nicht ausdrücklich ausgesprochen wäre, aber aus den Teilen leicht reconstruiert werden könnte. Denn wiederum die Teile stehen meist in einem sehr lockern Zusammenhange und sind vielfach sogar ganz heterogener Art. Jene Reconstruktion wäre aber nur möglich, wenn sie organische Teile eines logischen Ganzen wären. Nehmen wir irgend eine Predigt und betrachten die Teile, etwa No. 8 von der dzselzikeit. Im 1. Teile redet Berthold von der dzselzikeit an dem häre und predigt gegen Hoffart in der Frisur; im zweiten von der Auzselzikeit an dem velle und er predigt gegen das Schminken. Diese beiden Teile müssten doch eigentlich nur einer sein. Im dritten kommen an die Reihe, die uzselzic sint an dem barte. Das sind, die übel zungen tragen, Berthold redet hier gegen die mannichfachen Sünden, die mit der Zunge begangen werden können. Dieser Teil ist offenbar mit den zwei ersten nur durch das in Bertholds Sinne gefasste uzselzic, also lexikalisch verbunden. Im 4. Teile endlich redet er von denen, die uzselzic sint an den hiusern. Er meint die, welche bei sich den Sündern Schutz gewähren und die auf unrechtmässige Weise in den Besitz ihrer Habe gekommen sind. Aeusserlich die Sache betrachtet, entwickelt Berthold eine grosse Meisterschaft der Partition. Der Abteilungen und Unterabteilungen ist kein Ende. Offenbar hatte er sein Vergnügen an dem Fächerwerk; denn dass dieses seinem Zwecke gedient und dem Volke