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tiubelin bediutet den heiligen geist, daz schriet alle zit in siner stimme: ,hodie, hodie“! daz bediutet—: bekere dich hiute“!— 86 bediutet der rappe den tiuvel, wan er ist swarz unde haàt scharpfe stimme—. Unde swie vil daz tiubelin geschriet mit siner süezen stimme:„hodie, hodie“, sô schriet der unsaelige rappe:„cras, cras“, daz ist ein wort in latine unde bediutet in tiutsche: morgen.« Im Zusammenhange mit diesem Gebrauche von Vorbildern steht das Bilderreiche von Bertholds Rede überhaupt. Wir haben ja schon darauf hingewiesen, wie reichlich er die Gleichnisse anwendet, kürzere sowohl wie weiter ausgeführte. Auch das geschieht jedenfalls mit Rücksicht auf den geistigen Zustand des Volkes, wenngleich die eigene Neigung Bertholds und der Zug der Zeit ein Wort dabei mitsprechen mag, nämlich dass er so gern Erzählungen einflicht in seine Rede, ferner dass er, worauf wir schon zu sprechen kamen, auch dem didaktischen Element unter der Form des Sprichworts eine Stelle giebt. Noch erwähnen wollen wir, dass Berthold zwar im allgemeinen eines viel edlern Ausdrucks sich befleissigt, als man es sonst bei Volksrednern gewohnt ist. Aber doch finden sich auch derbe Stellen genug. Statt vieler wollen wir die eine anführen, auf die wir am Ende der 22. Predigt stossen. Er redet da von den verschiedenen Arten der Busse und so auch von den Wallfahrten. Da will er nun, dass die Frauen sich derselben enthalten sollen, wenigstens längerer, wo man genötigt ist über Nacht auszubleiben.»Frouwen,« sagt er,»die suln dâ heime büezen, man die suln üz varn: frouwen die suln dä heime sitzen spinnen.„Wie, bruoder Berhtolt? wer taete einer alten frouwen iht? Obe got wil ich var durch alliu lant wol sicher mit gewarheit miner séèle! Weh! sô dü müede wirdest und einen trunk getuost, sô weiz einer in der naht, ob dü alt bist oder junc. Dü maht vil mèêr sünde hein bringen danne dü dz fuortest. Wir lesen von einer, diu fuor ze Rôme, unde daz sie dar fuorte, daz liez sie da, unde daz sie niht dar fuorte, daz brahte sie heim. Nü waz brähte sie dar unde waz fuorte sie von dannen? Ir magettuom fuorte sie dar kiusche unde reine und liez den dort bi sant Péêters münster, unde brahte ein kint her wider von dannen.« Denken wir alle diese Eigenschaften von Bertholds Rede zusammen, so muss man sagen, einen glücklicheren Verein von Eigenschaften kann es kaum geben, um eine Predigt volkstümlich zu machen. In dieser Hinsicht ist schwerlich etwas anderes zu wünschen. Vom Standpunkte der homiletischen Theorie allerdings lassen sich manche Ausstellungen machen. Zunächst architektonisch die Sache angesehen, erscheint das, was man als Portal bezeichnen kann, die Einleitung nicht in richtigem Verhältnisse zum eigentlichen Gebäude. Sie ist meist viel zu ausgedehnt. Auf der andern Seite fehlt so gut wie ganz, was zur Symmetrie für nötig gilt, der Schluss. Berthold schliesst fast immer mit der kurzen Ermahnung, die schon in der vorhergehenden Periode üblich war. Man sollte meinen, dass der Wunsch, seiner Rede Nachhaltigkeit zu geben, ihn ganz von selbst z. B. auf die Recapitulation, die dem Schlusse zufällt, geführt hätte. Aber etliche schwache Spuren abgerechnet, findet sich dieselbe nicht. Nun, wie gesagt, die Einleitung ist um so länger, sie ist meist zu lang. Dann zeigt sich bei derselben noch ein anderer Mangel. Das Portal bei einem Kunstwerke der Architektur soll nicht bloss körperlich einführen in den innern Raum, sondern es soll dies auch geistig d. i. es soll die Stimmung in uns vorbereiten, die dann das Kunstwerk erzeugt. Thut es das nicht, so mag es sonst noch so schön sein, es ist doch architektonisch verfehlt. Bei Berthold ist dieser Fehler begangen. Seine Einleitungen führen meist eine Sonderexistenz und haben mit der eigentlichen Predigt wenig zu schaffen. Wir wollen gern in Rechnung ziehen, dass Berthold sich hier vielfach, wo es sich um sermones de sanctis handelt, mit der Bedeutung des Tages abfindet. Aber der Fehler bleibt. Es ist ferner gewiss, dass die Einleitungen an sich gewiss nicht zu den schwächsten Partieen in Bertholds


