Jahrgang 
1886
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21 Verstandes, des Witzes, der Phantasie. Dies liegt schon in der allegorischen Methode, die hier mit besonderer Vorliebe gebraucht wird. Denn hierbei finden wohl die eben genannten Seelenkräfte ihre Befriedigung, aber dass der Wille Antriebe empfinge, kann man schwerlich sagen. Greifen wir irgend eine heraus aus den von Wackernagel mitgeteilten altdeutschen Predigten z. B. das 36. Stück, wo das Evangelium von Petri Fischzuge behandelt wird. Hier wird zunächst der Inhalt des Evangeliums kurz dargelegt und dann zur Deutung übergegangen. Das Meer mit seinen Wogen bezeichnet die Welt mit ihrer Falschheit und Untreue, die zwei Schiffe an dem Gestade die Juden und Christen, und zwar das des Petrus, in welches der Herr trat, die Christenheit, in der er wohnt. Die Fischer seien die 12 Apostel und andere Lehrer der Christenheit, der Fisch bedeute den Sünder. Das Netz bezeichne den Glauben und die kirchliche Lehre. Wenn nun Petrus zuerst bei Nacht fischte und nichts fing, so gehe das auf die Prediger, die nur um ihres Vorteiles willen ihren Beruf üben und, weil sie in der Nacht des Irrtums fischen, nichts fangen. Indem er aber dann auf das Geheiss des Herrn die Netze auswerfe, so sei er Repräsentant derer, die im Namen des allmächtigen Gottes predigen. Nach dieser Deutung wird dann kurz abgeschlossen mit der Mahnung:»Nu bittint hiute den almechtigen got siner genaden, daz wir in dirre welte also gevolgen siner lere, daz wir da mite verdienen sin riche. Des helfe uns sande Maria diun hailige chunigin.« In ähnlicher Weise sind die Predigten alle gehalten, und wir sehen also, wenn man zur Zeit der Bekehrungspredigt direkt auf den Willen einwirkte und gewissermassen voraussetzte, die Erkenntnis werde von selbst kommen, so suchte man jetzt Erkenntnis zu geben und überliess es dem Willen, sich selber seine Antriebe und eine bestimmte Richtung herauszunehmen. Die Synthese beider Seiten oder Einseitigkeiten ist erst in der Predigt der Bettelmönche, für uns bei Berthold vollzogen. Es sind immer ganz bestimmte Entschlüsse, die Berthold hervorzubringen sucht, er will seine Zuhörer bestimmen, diese oder jene Untugend abzulegen, diese oder jene Tugend anzunehmen. Um nun diese Entschlüsse zu erzielen, bestrebt er sich eine wirkliche Ueberzeugung zu erwecken von der Verderblichkeit der Fehler, von der Erspriesslichkeit der Tugenden. Es sind vielfach lange Entwicklungen, auf die er sich zu dem Zwecke einlässt. Z. B. wenn er in der 27. Predigt gegen die Unmässigkeit redet, so setzt er weitläufig auseinander, warum sie schädlich sei. Der Magen sei gleichsam der Topf, in welchem die Speisen gesotten werden. Wenn man nun den Topf zu voll mache, so laufe er entweder über und die Speise bleibe ungesotten, oder die Speise müsse in dem Topfe anbrennen und bleibe wiederum ungesotten. Fülle man aber den Topf in der rechten Weise, so koche alles wohl durch und die Speise werde gut und gar. Wenn nun die Leute davon essen, Hausfrau, Kinder und Gesinde, so schmecke es ihnen wohl und sie gedeihen. Im andern Falle aber essen sie nicht und verfallen an Kräften. So auch wenn der Magen recht gefüllt werde, werde das Hausgesinde des Leibes, Adern, Glieder, Hirn, Blut, Mark u. s. w. wohl genährt. Werde er aber überfüllt, so laufe er auch über und der Ueberfluss gerate entweder nach dem Haupte hin und erzeuge Taubheit, Blindheit u. a., oder er gerate zwischen Haut und Fleisch und bringe Wassersucht, Gelbsucht u. a. hervor, oder er gerate in die Adern, da entstehe Händezittern u. s. w. So sucht er auf dem Wege einer langen Prörterung seinen Zweck zu erreichen. Vielfach aber wählt er auch einen kürzern Weg und greift zu Sprichwörtern, die in ihrer Wahrheit anerkannt sind und eine ausführliche Beweisführung ersparen. Auf solche Sprichwörter stösst man bei Berthold nicht allzu selten z. B. p. 323: Daz dir selber habest gebriuwen, daz trink ouch selber üz, p. 334: mit unreht gewunnen ist schiere zerunnen, p. 356: Einer frouwen rômvart und einer hennen flug über einen zun ist allez glich nütze, p. 483: waz zem érsten in den haven kümt, da smacket er iemer mér gerne näch. Es