Jahrgang 
1886
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den Namen verdient.»Sie erst,« sagt Wackernagel(Litt. Gesch.§ 89)»gaben der deutschen Predigt Verständlichkeit, Anwendbarkeit, Eindringlichkeit für alle und zumeist für den gemeinen Mann, und ebendeshalb eine beredtere Ausführung, sie zuerst auch dem Prediger die Freiheit der Subjektivität, persönliche Bedeutung und Bedeutung seines Namens.« Gaben sie ihr aber dies, so gaben sie ihr eigentlich alles, und das Vorhergehende steht mehr als Vorübung da. Man könnte sich versucht fühlen, schon wo die Predigt zuerst erscheint, bei der Bekehrung der Deutschen, in anbetracht der erzielten Wirkung sich hohe Vorstellungen von ihr zu machen. Und in der That, wenn wir annehmen könnten, dass die Predigt des Bonifacius den Anweisungen seines Freundes Daniel von Winchester entsprochen hätte, so müsste dieselbe auf einer hohen Stufe gestanden haben. Daniel schreibt nämlich an Bonitacius(Neander, Kirch. Gesch. III, 71), er solle nicht gleich damit anfangen, die Götterlehre der Heiden zu widerlegen, sondern er solle sie selbst fragweise, indem er sich mit derselben wohl bekannt zeige, deren innere Widersprüche und die daraus folgenden abgeschmackten Folgerungen auffinden lassen, alles ohne sie zu verhöhnen und zu reizen; dann solle er hin und wieder gelegentlich manches von der christlichen Lehre einfliessen lassen und mit ihrem Aberglauben vergleichen, damit sie vielmehr beschämt als zum Zorne gereizt würden. Diese Anweisung ist zwar zunächst für den Religionsunterricht gegeben, aber dem diente ja namentlich damals die Predigt ganz vorwiegend. Auf Grund hiervon könnte man sich von den Predigten des Bonifacius ein ganz erfreuliches Bild entwerfen. Nun sind uns aber etliche von diesen Predigten überliefert, zwar keine Bekehrungspredigten, aber doch Denkmale seiner Art und Weise. Da dürften wir nun sehr enttäuscht werden. Denn diejenigen unter den überlieferten Stücken, denen wir überhaupt den Namen von Predigten zuerkennen möchten, enthalten doch fast keine Erörterungen, sondern Geschichtserzählungen; die andern aber sind nur sogenannte Katechismusreden, in denen der Glaube oder das Vaterunser oder die Beichte mit ganz kurzen erbaulichen Erklärungen oder mehr Umschreibungen versehen wird. Diesen Charakter trug nun die Bekehrungspredigt vor Bonifacius noch mehr, und wir können auch wohl begreifen, dass die Leute, welche sie übten, Iren, wie sie meist waren und also der deutschen Sprache so gut wie ganz unkmundig, nicht mehr leisten konnten. Wenn sie, wie es ja am Tage liegt, trotzdem auf den Willen der Heiden einwirkten, so geschah es doch mehr durch blosse Vorhaltung der Objekte des Glaubens als durch eine auf dem Wege rednerischer Kunst erzielte Ueberzeugung, und wir müssen, um die Wirkung ihrer Rede zu begreifen, wie Wackernagel sagt, den innern Verfall des Heidentums auch auf germanischem Boden und die damit verbundene ahnungsvolle Sehnsucht nach etwas Höherem und Besserem mit in Rechnung ziehen, sowie die Kraft, die dem Worte Gottes auch in irdenen Gefässen innewohnt. Nachdem das Bekehrungswerk vollendet war, verschwanden auch diese Anfänge deutscher Predigt wieder, und es wurden lateinische Predigten verlesen, die höchsteps vielleicht, wie es Karl der Grosse verlangte, hier und da verdeutscht wurden. Die innere Erwärmung für die Sache des Christentums geschah auf einem andern Wege, der wohl auch dem geistigen Zustande der Hörer angemessener war, auf dem der religiösen Dichtung. Erst im 11. Jahrhundert, wohl im Zusammenhange mit dem Aufschwunge, den die Prosa nahm zu S. Gallen, erhebt sich die Predigt wieder und erreicht eine höhere Entwicklungsstufe. Jetzt erscheinen längere Erörterungen, Themen werden durchgearbeitet, die Gegenstände des Glaubens werden dem Verstande nahe gebracht. Aber es ist, als ob sich zunächst nur die früher vernachlässigte Seite der Sache zur Geltung bringen wollte, wenigstens ist in diesen Predigten nicht viel bemerkbar von der Absicht, auf den Willen zu wirken. Es sind Uebungen des