Jahrgang 
1886
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wir wollen uns doch an die 7. Predigt halten und dabei noch manches Eigentümliche seiner ethischen Anschauungen kennen lernen. Als 2. Untugend führt er den Zorn auf, als dritte die träkheit an gotes dienste. Diese beiden Stücke geben uns nicht Veranlassung zu verweilen. Die 4. Untugend ist fräzheit, überezzen und übertrinken. Er trennt dies von der 6. Untugend, der unkiusche. An andern Stellen, wie z. B. p. 177 verbindet er beides und rechnet auch die fräzheit zur unbiusche. Dies ist sehr bemerkenswert. Denn wenn wir von Unkeuschheit nur in Beziehung auf geschlechtliche Verhältnisse reden, so ist das schwer zu rechtfertigen. Es ist ein ähnlicher Fall wie mit der Schamhaftigkeit. Da sagt nun Schleiermacher in der Abhandlung über diesen Gegenstand, die in die Briefe über die Lucinde eingeschaltet ist:»Es ist doch eine ganz sonderbare Sache und widerstreitet allen gesunden Begriffen, dass eine Tugend in den Grenzen einer gewissen beschränkten Materie des Handelns, eines bestimmten Objectes eingeschlossen sein soll, und dies ist bei der Schamhaftigkeit der Fall.« Bei der Keuschheit steht es ebenso, und es ist da ganz interessant zu sehen, wie eine frühere Zeit den Begriff der Keuschheit weiter ausdehnte und mehrere Dinge darunter befasste. Als 5. Untugend nennt Berthold die höhoarl. Mit dieser beschäftigt er sich vielfach und namentlich mit einer besondern Gestalt derselben, nämlich wo sie als Eitelkeit erscheint. Besonders den Frauen geht er um dieses Fehlers willen zu Leibe, obwohl auch die Männer ihr Teil bekommen. Er sagt z. B. p. 414:»Ez heizet höhvart und itel ére, wan ez niwan ein höhyvertelin ist und ein itelkeit, mite ir frouwen umbe gét, daz eht irz dar zuo bringet, daz man iuch lobe. Da kéret ir allen iuwern fliz an, mit gewande, mit iuwern sleigern, mit röckelinen. Daà git ir etelichiu alse vil umbe, als sie daz tuoch kostet, der nüewerin: schilte üf die ahseln, geriselt, gerickelt al umbe den soum.« Nun lässt er die Frauen den Einwand erheben, dass sie sich nur um ihrer Männer willen so putzten.»Wie, bruoder Berhtolt! tuon wirz niht danne durch unser wirte willen, daz sie ein ander ansehen deste minner! gloube mir, und ist din wirt ein frumer man, er gan dir vil baz, daz dich in einer durnehtigen wise ziuhest danne in einer höhvertigen wise, daz man üf dich vingerzeige und ankapfe:seht, wer ist diu? oder waz frouwen ist daz?« Die 7. Untugend ist die gitikeit, und wir müssten uns auch wundern, diese nicht genannt zu findeu, denn kein anderes Laster geisselt Berthold so häufig als dieses, keins auch so heftig. So häufig, denn fast in jeder Predigt kommt er auf dasselbe zu sprechen und sagt selber oft:»Pfi, gitiger! stést allenthalben an dem blate.« So heftig, denn wenn er bei allen andern Sündern die Busse für möglich hält, den gitigen giebt er verloren. Als Urbild des gitigen gilt ihm Judas der Verräter, und diesen gebraucht er auch als Beweis dafür, dass der gilige unrettbar ist. Er sagt p. 439:» predigete der almehtige got selber einem gitigen vor drittehalp jär, daz er in nie bekéren mohte. Er tet im zeichen vor, er tet halt zeichen durch sinen willen. Daz half allez niht, unde verkoutte halt ze jungest den prediger umbe drizie pfennige. Waenet ir danne, daz ich iu dise gitigen bekéêren müge, des dürfet ir rehte deheinen muet haben.« Zur Bekehrung des giligen gehört nämlich, dass er alles unrechtmässig erworbene Gut bis auf den letzten Heller zurückerstatte, und das wird nach Bertholds Ansicht so gut wie nie geschehen. Wir wollen hier einschalten, dass, wenn Berthold unter den gitigen alle versteht, die auf unrechtmässige Weise in den Besitz von Geld und Gut gelangen, dass er zu ihnen auch die rechnet, die ihr Geld auf Zinsen(p. 26) ausleihen, ein Punkt, worin wir Berthold unter dem Einflusse der judaisierenden Ansichten seiner Zeit erblicken. Also zu jener Rückerstattung werde sich, meint Berthold, der gitige nie verstehn. Erfolgt sie aber nicht, so ist er ewig verloren und mit ihm auch hierin zeigt sich die Heftigkeit, mit der Berthold gegen dieses