Jahrgang 
1886
Einzelbild herunterladen

Laster vorgeht(vgl. auch p. 119) alle, die es von ihm erben bis ins 40. Glied. Wir lesen p. 23:»wan eht alle die ez näch dir erbent wizzentliche unz an daz vierzigeste geslehte, die müezent alle die vart varn die gevarn häst unde bist, ob sie ez niht gelten unde widergeben.« Es drängt sich die Frage auf, warum Berthold gerade dieses Laster für soviel abscheulicher hält als die andern. Nun haben wir oben gesehen, wie er von der gilikeit den Ruin aller socialen Verhältnisse ableitet. Allein unter Umständen können doch auch die andern Laster ähnliche zerstörende Wirkungen ausüben. Und wenn wir näher zusehen, so ist es auch weniger der Hinblick auf die Wirkungen der gitikeit, was Bertholds Stellung zu derselben bedingt, als eine eigentümliche Ansicht von ihrem Wesen. Er sagt p. 20:»Alle die andern sünden lant got eteliche zit geruowen wan unde din zit: wan diu gét aller tegelichen hin mit sünden äne underlàz. Unde von sprichet got selber alsô durch den wissagen: ,dü rehte boese hüt! unde sprichet alsô für sich hin: ,dũ rehte boese hüt, laest mich niemer geruowen. Die von Sodomà und Gomorà unde von Samariâ, die lant mich etewenne geruowen mit ir sünden: mac ich dekeiner zit geniezen gein dir tac noch nahtè! Daz ist wàr. sich, gitiger! sit ich hiute anhuob ze predigen, sit bist vil lihte sehs pfennige richer worden an dinem wuocher oder an diner satzunge oder an dinem fürkoufe. Ir ébrecher, ir brechet iezuo mit nieman iuwer ê. Ir morder, ir mordent iezuo nieman, ir sitzet iezuo mit guoten zühten hie. Daz selbe tuont die topeler; die trenker diè dürstet iezuo vil übele, und müezent sich lazen dursten. Swie aber diu zit ist, geruowest, gitiger, niemer. gitiger, gehabe dich wol! Ir andern sünder, durch den almehtigen got gewinnet alle wäre riuwe wan ich schaffe an disen gitigen liuten nihtes niht.« Also das ununterbrochen Fortwirkende des Lasters der gilieit ist es, weshalb es Berthold soviel strenger beurteilt. Wir sehen ihn hier aber wieder den mangelhaften ethischen Anschauungen der damaligen Zeit seinen Zoll eutrichten, einer Zeit, die vielmehr auf das Aeussere der That als auf das Innere der Gesinnung blickte. Denn was die Gesinnung angeht, so sind doch die andern Laster ebensogut fortwirkende und lassen Gott ebensowenig ruhen. Zugleich müssen wir etwa mit daran denken, dass Berthold ungefähr zur Zeit des grossen Interregnums predigte, einer Zeit, die vielleicht nicht so schlimm war, wie sie gewöhnlich angesehen wird, in welcher doch aber die Gewaltthätigkeit und Gesetzlosigkeit höher stieg als vorher und nachher; es ist aber sehr natürlich, dass ein vorherrschendes Gebrechen dieser oder jener bestimmten Zeit seitens der darin lebenden Ethiker von Bertholds Schlage jedesmal für das schlimmste gehalten wird.

Wir haben im Vorangehenden reichlich citiert, um daran zugleich ein Fundament zu haben, wenn wir nun dazu übergehen, Bertholds Bedeutung in der Geschichte der Sprache, Literatur und Predigt zu entwickeln.

Bertholds Sprache ist das beste Mittelhochdeutsch; die Hofsprache der damaligen Zeit, die Sprache, deren sich die besten Dichter des mittelhochdeutschen Zeitraums bedienten, erscheint hier auf die Prosa übertragen. Wackernagel entwickelt in seiner Litteraturgeschichte§ 46, wie die Sprache der Classiker des 13. Jahrhunderts ein Gemeinhochdeutsch sei; bei diesem sei allerdings die schwäbische Mundart massgebend, wie denn Schwaben an der Spitze der damaligen Dichtkunst stand, aber aus diesem Fundamente sei mit leichter Ausgleichung und Anbequemung der übrigen Mundarten des obern Deutschlands eine Hofsprache erwachsen, die alsbald zur Herrschaft gelangt sei und der sich auch Niederdeutsche unterzogen hätten. Die schäriere Ausprägung und Sonderung der Mundarten habe es damals nur noch in den zwei Gattungen der Litteratur gegeben, die von dem Hofleben wenig berührt waren, in der Prosa der Geistlichkeit, namentlich also in der Predigt, und